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Predigt über Joh 5,1-9a

am 21. Oktober 2001
Pfarrerin Angelika Volkmann
Joh 5,1-9a
[1] Danach war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. [2] Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Dort sind fünf Hallen; [3] in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. (Sie warteten darauf, daß sich das Wasser bewegte. [4] Denn der Engel des Herrn fuhr von Zeit zu Zeit herab in den Teich und bewegte das Wasser. Wer nun zuerst hineinstieg, nachdem sich das Wasser bewegt hatte, der wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.) [5] Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank. [6] Als Jesus den liegen sah und vernahm, daß er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden? [7] Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein. [8] Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! [9] Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Liebe Gemeinde,

eine Heilungsgeschichte ist für diesen Sonntag vorgesehen: Jesus heilt einen Gelähmten am Teich Bethesda. Heilungsgeschichten tun uns gut, sie eröffnen einen Ausweg aus einer Situation voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Jesus heilt einen kranken Menschen – was kann uns diese Geschichte heute sagen? Sind wir überhaupt offen für eine solche Geschichte, angesichts des Terrors, der unsere Welt durchzieht, angesichts unserer Beunruhigung, angesichts des Krieges in Afghanistan? Unsere ganze Welt ist krank. In unseren Gebeten und Liedern wenden wir uns an den, der diese vom Leid zerrissene Welt erträgt und trägt und suchen bei ihm Zuflucht. Hören wir, wie er mit einem kranken Menschen umgeht und möge es unsere aufgescheuchten Seelen stärken ....

Seit 38 Jahren liegt dieser Mann am Teich Bethesda. Achtunddreißig Jahre! Das ist unvorstellbar lang. Er ist älter als Jesus. Als Jesus geboren wurde, hat er bereits in den Säulenhallen gelegen, die rund um den Teich Betesda gebaut worden waren. Mit vielen anderen, die darauf warteten, dass ein Engel das Wasser bewegte und es seine heilende Wirkung bekam. Doch welch bitteres Glück: nur der erste, der ins bewegte Wasser stieg, wurde gesund! Wie schwierig ist es da, sich gegenseitig zu helfen; wie verständlich, dass jeder selber der erste sein will! Achtunddreißig Jahre lang ist es dem kranken Mann nie gelungen, der Erste zu sein. Achtunddreißig Jahre lang lebt er zwischen immer wieder neuer Hoffnung auf Gesundheit und der tiefen Überzeugung, dass es doch nie so kommen wird. Er hat sich sein Leben eingerichtet innerhalb der gesteckten Grenzen. Längst ist ihm dieser Ort zur Heimat geworden, zur vertrauten Umgebung mit vertrauten Abläufen und vertrauten Mitmenschen, wo er seine Rolle, seinen Platz hat, mit seiner Krankheit, die seine Möglichkeiten beschränkt. Ob er überhaupt noch Hoffnung hat? Ob er sich überhaupt noch ernsthaft eine Lebensmöglichkeit außerhalb dieser Säulenhalle vorstellt? Diesen Mann sieht Jesus da liegen. Er hört, wie lange der Mann schon da liegt. Und er schaut gleichsam in ihn hinein, sieht sein ganzes Leben, sieht die erloschene Hoffnung, sieht, wie er sich eingerichtet hat in seiner Situation, sieht, dass er leidet und dass es ihm gar nicht so quälend schlecht geht. Jesus stellt ihm die Frage: Willst du gesund werden?

Was für eine Frage! Ist es nicht unverschämt, einem Kranken eine solche Frage zu stellen? Wir mag der Kranke es empfinden? Hängt es jetzt etwa am persönlichen Willen? Habe ich mir diese Krankheit vielleicht ausgesucht? Soll doch der erst mal in meine Lage kommen, dann würde er mir nicht so eine Frage stellen! Doch Jesus sieht ihn ruhig und erwartungsvoll an: Willst du gesund werden? Diese Frage zielt auf die Eigenverantwortlichkeit des Kranken, auf seinen Heilungswillen. Das heißt: Bist du bereit, auf deine Krankheit zu verzichten? Auf all die Zuwendung, die du dadurch bekommst? Auf das Mitgefühl der Menschen? Auf das Versorgtwerden seit achtunddreißig Jahren? Willst du dieses zwar eingeschränkte, aber auch bequeme Leben aufgeben? Oder gibt es in dir auch die Seite, wo du diese Krankheit brauchst – so sehr du auch unter ihr leidest? Weil du durch sie eine Entschuldigung dafür hast, bestimmte Dinge nicht machen zu müssen. Weil du eben nicht stark sein musst, nicht selber die Verantwortung hast. Willst du überhaupt gesund werden?

Eine unbequeme Frage. Jesus mutet dem Kranken diese Frage zu. Offensichtlich hat Jesus erfasst, dass es bei diesem Kranken um eine bewusste Willensentscheidung geht.

Wir müssen da behutsam sein, wie wir das auf uns übertragen. Nicht jede Krankheit kann dadurch geheilt werden, dass der Kranke sich seinen Willen zur Heilung mobilisiert. Die modernen Einsichten über psychosomatische Zusammenhänge haben bei vielen Menschen zu einer ganz neuen Art von Schuldgefühlen geführt: Jetzt bin ich auch noch selber schuld an meiner Krankheit. Wenn ich anders gelebt hätte, wäre ich gesund geblieben. Wenn ich mich stärker abgegrenzt hätte, wenn ich meine Gefühle gezeigt hätte, dann wäre ich gesund geblieben. So einfach dürfen wir es uns nicht machen. Jede Krankheit hat mehrere Ursachen.

Krankheit, Verletzlichkeit und Sterben gehören als Möglichkeiten zu jedem Leben. Es gehört zu unserer Menschlichkeit, dass Krankheiten uns treffen können. Es darf nicht als persönliches Versagen angesehen werden, wenn jemand krank wird. Wir können dankbar sein, wenn wir von Krankheit verschont bleiben. Einen Anspruch darauf haben wir nicht.

Bei allem Leid, das mit Krankheiten verbunden ist: sie können uns manches lehren. Wer nie krank war, weiß bestimmte Dinge nicht. Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden, betet der 90. Psalm. Viele Menschen, die die Erfahrung von Krankheit gemacht haben, erzählen, dass ihnen dadurch die Augen geöffnet wurden für die Schönheit des Lebens, und dass sie jeden einzelnen Tag viel intensiver genießen als vorher. André Gide schreibt: „Ich glaube, dass die Krankheiten Schlüssel sind, die uns gewisse Tore öffnen können. Ich glaube, es gibt gewisse Tore, die einzig die Krankheit öffnen kann. Es gibt jedenfalls einen Gesundheitszustand, der es uns nicht erlaubt, alles zu verstehen.... Ich habe unter denen, die sich einer unerschütterlichen Gesundheit erfreuen, noch keinen getroffen, der nicht nach irgendeiner Seite beschränkt gewesen wäre, - wie solche, die nie gereist sind.“ Doch auch dieser positive Aspekt, den Krankheiten haben können, ändert nichts daran, dass Krankheiten leidvolle Zumutungen sind, auf die wir lieber verzichten würden.

Auch die Frage Jesu an den Kranken bleibt eine Zumutung. „Willst du gesund werden?“ Natürlich ist Gesundheit der Krankheit vorzuziehen. Wer wäre nicht lieber gesund? Warum antwortet dann der Kranke nicht einfach: „ja, genau das will ich! Nichts will ich lieber als das!“

Er antwortet: „Herr, ich habe keinen Menschen.“ Er hat keinen, der ihn schnell genug zum Wasser bringt, wenn es sich bewegt. Kann das wirklich sein? Wer versorgt ihn denn? Er lebt dort seit achtunddreißig Jahren. Es fällt schwer zu glauben, dass es unmöglich gewesen sein soll, innerhalb einer so langen Zeit einmal der erste zu sein. Er hätte doch verhandeln können, sich einen Platz nah am Wasser sichern, um Hilfe und Unterstützung bitten ... Jesu Frage zielt auf Eigenverantwortlichkeit. Dieser Kranke hat das unterlassen, was er zu seiner eigenen Gesundung hätte tun können. Und er hat es vielleicht noch nicht einmal bemerkt.

Herr, gib mir den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
die Gelassenheit, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann,
und die Weisheit, zwischen beidem zu unterscheiden.

So lautet ein altes Gebet. Manches können wir nicht ändern. Anderes können wir sehr wohl ändern, wenn wir nur wollen. Jesus ist Gottes Sohn. Er sieht diesen Mann dort liegen und sieht bis auf den Grund seiner Seele. Er sieht die Möglichkeiten brach liegen, die dieser Mensch hat. Und er will ihn dazu bringen, dass er aus seiner Passivität aufersteht, dass er die Verantwortung für sein Leben übernimmt und es im Rahmen seiner Möglichkeiten gestaltet. Jesus will, dass dieser Mensch damit aufhört, sein Leben zu erleiden. Er will, dass dieser Mensch seinen ureigensten Lebensauftrag annimmt. Er soll mit der Zumutung seiner Krankheit aktiv umgehen, dieser Krankheit den Segen abringen, der auch in ihr verborgen ist . Er soll aus der bequemen Haltung des Versorgtwerdens herauswachsen, denn er kann anders! Davon ist Jesus überzeugt, denn er sagt zu ihm: Steh auf, nimm deine Matte und geh! Diese Aufforderung, in der Vollmacht Jesu Christi, des Sohnes Gottes gesprochen, bewirkt die Heilung. Das Wunder geschieht, der Mann steht auf, nimmt seine Matte und geht. Wie ungewohnt mögen diese ersten Schritte gewesen sein! Wie beängstigend und wie begeisternd zugleich! Was mag jetzt alles auf ihn zukommen, wenn er für sich selber zuständig ist und den Schutz der Krankheit nicht mehr hat!? Vielleicht wird er sich sogar manchmal zurücksehnen. „Steh auf, nimm deine Matte und geh'!“ fordert Jesus den Kranken auf. Lebe das Leben, das Gott dir geschenkt hat! Versäume deine Möglichkeiten nicht. Lass dich befreien, zu dem, was dir möglich ist, lass dich heilen. Wer dieser Aufforderung Jesu folgt, der ist heil, unabhängig davon, ob er körperlich krank ist oder gesund. Denn er lebt sein Leben im Vertrauen auf Gott, empfängt durch seinen Auftrag auch den Sinn Lebens und ist frei.

Wenn uns in diesen Wochen die Gefährdung unseres Lebens wieder stärker bewusst wird, dann tut es uns vielleicht gut, wenn wir uns von dieser Heilungsgeschichte wieder neu zur Dankbarkeit führen lassen für die Kostbarkeit des Lebens und wenn wir offen sind für Jesu Auftrag an uns: unser Leben aktiv zu gestalten auch im Angesicht von Gefährdung. Der Verzweiflung zu widerstehen mit der Kraft der Auferstehung.

Amen.