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Predigt über Hebräer 9, 15 +26b-28


am Karfreitag, den 21. April 2000
Pfarrerin Angelika Volkmann
Brief and die Hebräer 9, 15 +26b-28
„Und darum ist er auch der Mittler des Neuen Bundes, damit durch seinen Tod, der geschehen ist zur Erlösung von den Übertretungen unter dem ersten Bund, die Berufenen das verheißene ewige Erbe empfangen.
Nun aber, am Ende der Welt, ist er ein für alle Mal erschienen, durch sein eigenes Opfer die Sünde aufzuheben.
Und wie den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so ist auch Christus einmal geopfert worden, die Sünden vieler wegzunehmen; zum zweiten Mal wird er nicht der Sünde wegen erscheinen, sondern denen, die auf ihn warten, zum Heil.“

Liebe Gemeinde,

wir tun uns schwer mit Karfreitag. Warum lässt Gott, der Vater, seinen geliebten Sohn sterben? Warum muss Blut fließen, damit Versöhnung geschehen kann? Kann Gott denn nicht einfach so vergeben? Bin ich denn so schuldig, dass jemand für mich sterben muss? Der Gedanke an einen stellvertretenden Tod ist uns fremd. Wir verabscheuen jegliches blutige Ritual.

Gibt es einen anderen Zugang zum Karfreitagsgeschehen? Können wir eine neue Sprache finden? Manche wollen das schon gar nicht mehr, weil sie zu verletzt sind durch krank machende Glaubensvorstellungen. Das muss respektiert werden. Doch man kann im Lauf des Lebens eine eigene Geschichte mit Karfreitag haben, wo es Zeiten der Verletzung, Zeiten des Abstands und Zeiten neuen Verstehens gibt. Ich möchte den Versuch wagen, mich dieser schwer verständlichen Deutung von Jesu Tod als Sühne neu anzunähern.

Es ist ja nicht die einzige Deutung von Jesu Tod im Neuen Testament. Mit verschiedenen Bildern und Vorstellungen hat die junge Gemeinde versucht, dieses grausame Geschehen zu verarbeiten. Da ist das Bild vom guten Hirten, der in einer gefährlichen Situation sein Leben für die Schafe gibt. Da ist das Bild vom Lösegeld, das bezahlt wird – in einer Gesellschaft, wo es Leibeigenschaft gibt, ein sehr sprechendes Bild. Dann gibt es das Bild vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und stirbt, um Frucht zu bringen. Die Ähre kann nur wachsen, wenn das Korn vergeht. Außerdem hat die junge Gemeinde in dem prophetischen Bild vom leidenden Gottesknecht, durch dessen Wunden wir geheilt sind, das Schicksal Jesu gedeutet. Hier taucht das archetypische Bild des verwundeten Heilers auf: Nur der kann wirklich heilen, der selber Wunden kennt. Gott, der sich seiner Macht entäußert und sich in die tiefsten Tiefen des Menschlichen hinein begibt und mit den Leidenden leidet, Gott, der die Ohnmacht kennt und sich von ihr berühren lässt und dadurch allen, die auf dieser Welt leiden, nahe ist – das ist eine Deutung des Todes Jesu, die in unserer Zeit verständlicher ist. Etliche Theologinnen und Theologen in unserem Jahrhundert haben diese Deutung ausformuliert, darunter auch Dietrich Bonhoeffer: Gott hilft nicht kraft seiner Allmacht, sondern kraft seiner Schwachheit, seines Leidens. Nur der leidende Gott kann helfen. – so steht es in diesem Fenster. Das Sterben Dietrich Bonhoeffers, der sich unter dem Nazi-Regime nicht korrumpieren ließ, sondern bereit war, mit seinem Leben für seine Überzeugung einzutreten, ist ein Beispiel aus unserer Zeit, an dem wir erleben, dass von dem Gedenken an eine Hinrichtung stärkende Kraft ausgehen kann.

Alle diese unterschiedlichen Deutungen von Jesu Tod sind im Neuen Testament bereits vorhanden. Diejenige, mit der wir uns am schwersten tun, ist die, die uns im heutigen Predigttext entgegenkommt: „so ist auch Christus einmal geopfert worden, um die Sünden vieler wegzunehmen.“ Der Hebräerbrief deutet das Christusgeschehen mit Hilfe der alten israelitischen Opferrituale, so wie sie auch zur Zeit Jesu vollzogen wurden. Am Jom Kippur, dem jährlichen großen Versöhnungstag, ging der Hohepriester in das Allerheiligste der Stiftshütte/des Tempels und brachte Blut von Opfertieren, um Sühne zu erlangen für seine eigenen Sünden und die des Volkes. Indem der Opfernde seine Hände auf den Kopf des Tieres stemmte, identifizierte er sich mit diesem. Er legte symbolisch seine Schuld auf das Tier und es starb an seiner statt. Zu den Besonderheiten des Jom Kippur gehörten zwei Tiere, zwei „Sündenböcke“. Der eine musste sterben zur Sühne. Der andere blieb am Leben, doch auf ihn wurden – unter Aufstemmen der Hände und Aussprechen der Schuld – die Sünden des Volkes gelegt. Mit dieser Last wurde er „in die Wüste geschickt“, um so die Verfehlungen der Gemeinde aus ihrer Lebenswelt hinwegzuschaffen. Die Menschen damals in Israel erlebten dieses Sühneritual ein Geschenk Gottes an den schuldbeladenen Menschen. Gott blieb seinem Volk treu und Schuld musste nicht verharmlost oder verdrängt werden.

So schwer uns der Sinn kultischer Opfer heutzutage einleuchten mag, „Sündenböcke“ braucht unsere moderne und säkulare Gesellschaft nach wie vor. Wir opfern keine Tiere mehr, doch wir sind weit davon entfernt, Schuld bewältigen zu können. Versuchshalber habe ich im Internet den Begriff „Sündenbock“ zur Suche eingegeben und war fast schockiert, als in Sekundenschnelle 2666 Nennungen gefunden wurden. Es wimmelt geradezu nur so von Sündenböcken in unserer Welt: vom Fußballtrainer angefangen, dem die Niederlage der Mannschaft angelastet wird über die Politik, wo einzelne Politiker von anderen als Sündenbock für dies und jenes bezeichnet werden bis hin zur ganz privaten Ebene in Familien. Gelegentlich wird tatsächlich ein solcher „Sündenbock“ „in die Wüste geschickt“, d.h. zum Rücktritt gezwungen. Wie die kultischen Opfer damals hat auch heute noch so ein „Sündenbockritual“ reinigende Wirkung: die Gesellschaft oder die Partei opfert eines ihrer Mitglieder, damit die übrigen rein dastehen. Und alle besinnen sich neu auf die Werte, die das soziale Leben tragen. Frei von Grausamkeit ist so ein unblutiges Ritual auch nicht. Etwas subtiler geht es im privaten Leben zu. Doch schon bei relativ harmlosen Konflikten schiebt einer die Schuld auf den anderen. Das verhindert, dass Schuld wirklich bewältigt werden kann. Viele unserer Beziehungen sind deshalb belastet durch das, was die Psychologie die Projektion des Schattens nennt: eigene innere Dunkelheiten, z.B. Hassgefühle oder tiefe Verzweiflung, die jemand sich nicht eingestehen kann oder will, nimmt er überdeutlich bei anderen wahr und bekämpft sie, indem er die anderen anklagt, verachtet oder zu Sündenböcken macht. Beschuldigt zu werden – ob zu recht oder zu unrecht – das ist etwas, was wir kaum aushalten. Meistens reagieren wir auf Vorwürfe mit Rechtfertigungen oder Verharmlosungen. Schuld wird als äußerst bedrohlich erlebt. Selbst sachliche Kritik verkraften nur wenige Menschen gut. Allein daran wird deutlich: Schuld gefährdet das Leben. Schuld zerstört Beziehungen, bedroht die Existenz.

Dass Opfertiere sterben mussten, nimmt diese Erfahrung ernst und verbindet sie mit der Bitte zu Gott: „Lass nicht zu, dass unsere Schuld unser Leben zerstört, lass sie nur das Leben dieses Opfers zerstören.“ Auch das Ritual, einen Sündenbock in die Wüste zu schicken, verweist auf das Wesen von Schuld: man muss sie wegtragen, um sich zu entschuldigen. Wenn sie nicht aus der Welt geschafft wird, bedroht sie die Gemeinschaft. Das Opfer als solches stellt klar, dass Schuld nicht einfach übergangen werden kann, als wäre sie nie geschehen. Sie muss aufgewogen werden, sonst gerät die Gesellschaft aus dem Gleichgewicht.

Vergebung kann darum niemals heißen, so zu tun, als wäre nichts Schlimmes geschehen. Liebe Gemeinde, nicht Gott braucht das blutige Opfer, um vergeben zu können, sondern wir Menschen. Wir tun uns schwer, „einfach so“ zu vergeben. Wir halten u.U. jahrzehntelang an bestimmten Vorwürfen gegenüber unseren Nächsten fest: an gewöhnlichen Erziehungsfehlern unserer Eltern oder Versäumnissen unseres Partners, selbst wenn es sich hierbei nicht um Bluttaten handelt. Wir wissen es alle: Versöhnung erfordert viel Seelenarbeit. Und wie schnell uns unsere moderne Kultiviertheit in Extremsituationen abhanden kommen kann, steht jeden Tag in der Zeitung, die tagtäglich voll von blutigen Opfern, Rachegelüsten, Morddrohungen ist, nicht nur woanders, sondern mitten in unserer Gesellschaft. Es geht nicht darum, wieder Blutrituale einzuführen. Es geht darum, die Augen davor nicht zu verschließen, welche immense Bedeutung die Schuld zwischen uns Menschen hat.

Wenn wir den Tod Jesu Christi in diesem Zusammenhang verstehen, dann heißt das, dass Jesus Christus unsere Mechanismen, Schuld zu verlagern unnötig macht. Wir müssen nicht die Sündenböcke füreinander sein. Er ist für uns zum Sündenbock geworden. Was immer wir selbst oder andere gegen uns als Anklage erheben, er hat es zu seinem Problem gemacht.

Für uns als Schuldige heißt das: im Blick auf Christus ist es leichter, zu sagen: ja, das habe ich getan. Ich habe andere verletzt. Ich habe unfair gehandelt. Ich habe Hassgefühle in mir. Ich habe Dunkelheiten in mir, von denen ich am liebsten nichts wissen will. Ich habe etwas so Schlimmes getan, dass ich es mir kaum eingestehen kann. Christus hält das alles mit mir und für mich aus. Er verurteilt mich nicht. Er verharmlost auch nicht. Er kennt mich in meinen ganzen Lebenszusammenhängen, mit meinen Grenzen, mit meiner Geschichte. Er lässt mir meine Würde. Er hilft, dass Zerbrochenes heilen kann.

Für uns als Opfer heißt das: Wo immer unser Leben durch die Schuld anderer beschädigt wurde, hat Christus sich so stark mit den Opfern identifiziert, dass er dasselbe erlitt. Im Bild des Gekreuzigten können sich die Leidenden dieser Erde wiederfinden: gefolterte Menschen, vergewaltigte Frauen, missbrauchte Mädchen, Opfer jeglicher Gewalt. Mit ihnen und für sie schreit Christus in Gottverlassenheit. Doch das ist nicht das Ende. Das Leiden soll überwunden werden.

Als der Auferstandene bietet Christus an, das Zerbrochene zu neuem Leben zusammenzufügen. Als der Auferstandene gibt er Hoffnung, dass auch nach großem Leid und tiefen Verletzungen neues Leben möglich ist. In seiner Gegenwart verliert die Schuld ihre todwirkende Macht: es wird Raum zu sachlicher Klärung in Würde, ohne die Mechanismen gegenseitiger Beschuldigung in Gang zu setzen. Es wird Raum für die Hoffnung, dass ein neuer Anfang gelingen kann. Täter und Opfer bekommen die Chance, neu zu leben, ohne dass die Schuld verdrängt oder verharmlost werden müsste. Nicht Gott braucht das Opfer seines Sohnes. Wir Menschen brauchen es.

Wir können uns an Karfreitag dazu ermutigen lassen, unter den barmherzigen und solidarischen Augen von Jesus Christus uns unserer Schuld zu stellen, den dunkeln Seiten in uns, die wir so schwer ertragen. Wo wir Opfer geworden sind, können wir Trost darin finden, dass Jesus Christus im Leiden nahe bei uns ist. Für uns als Schuldige und als Opfer kommt von Ostern die Hoffnung her, dass neues Leben, Heil, Wirklichkeit wird.

Amen.