evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Die Stimmung unserer Garnierorgel

Die Orgel ist nicht gleichstufig sondern wohltemperiert gestimmt


Das heißt: Die einzelnen Tonarten haben eine unterschiedliche Charakteristik:

Vergleich der Akkorde mit der reinen und gleichstufigen Stimmung.

F-Dur, C-Dur, G-Dur: strahlend fast rein, d-moll, a-moll, e-moll in sich ruhend. 

B-Dur, D-Dur, A-Dur, H-Dur, Fis-Dur=Ges-Dur vergleichbar wie gleichstufige Stimmung ("etwas rau"). 

E-Dur, Es-Dur, As-Dur, Des-Dur=Cis-Dur wie in der pythagoreischen Stimmung ("sehr rau"):

Dazu einige kurze theoretische Erläuterungen: 

Der Quintenzirkel as es b f c g d a e h fis cis gis geht nicht auf. 

Bei rein gestimmten Quinten erklingt der Ton gis höher als der auf einer Orgeltastatur gleich liegende Ton as (Unterschied: Das pythagoreische Komma). 

Und was den alten Musikern noch mehr missfiel: Die "pythagoreischen" Terzen (zum Beispiel f ‑ a) sind im Vergleich zu reinen Terzen zu hoch (Unterschied: Das syntonische Komma). Sie klingen rauh und wurden den Dissonanzen zugerechnet. 

Die reinen Terzen vermitteln zum Beispiel einem a-capella-Chor und auch einer Orgel ein klares Grundtongefühl und schwebungsfreien Klang, der aber auf einer 12-stufigen Tastatur nicht verwirklicht werden kann. 

Deshalb wurden in der Renaissance und im Barock bei der mitteltönigen Stimmung die reinen Quinten auf Tasteninstrumenten geringfügig verkleinert, so dass bei der meist verbreiteten 1/4-mitteltönigen Stimmung nach vier Quinten (zum Beispiel nach f - c - g - d - a ) reine Terzen (hier f ‑ a) erklangen. 

Tonbeispiel: Tonbeispiel fc1_f1c2_f1a1



Mit dem Aufkommen von reichhaltigen Modulationen - selbst in Choralsätzen - zeigte sich der Nachteil der mitteltönigen Stimmung: Manche Quinten und Terzen erklingen unerträglich unrein. Zum Beispiel "heult der Wolf" bei der Terz as-c (in Wahrheit bei der verminderten Quarte gis-c) stark.

Noten gis_h_e_as_c_es Tonbeispiel: Ist die Taste Gis passend mitteltönig zu E-Dur gestimmt, kann sie nicht als As verwendet werden. Hier hört man zuerst den wohlklingenden E-Dur-Akkord, dann "heult der Wolf" beim As-Dur-Akkord mit dem falschen As (fast 1/4 Ton zu tief).


Nun wurde die mitteltönige Stimmung abgewandelt zu wohltemperierten Stimmungen. C-Dur-nahe Tonarten nähern die reine Terz möglichst an, während bei entferntere Tonarten höhere Terzen in Kauf genommen werden. Jede Tonart hat so seine eigene "Charakteristik". Es gibt unzählige Vorschläge für wohltemperierte Stimmungen. Die auf unserer Orgel verwirklichte Garnierstimmung Nr. 7 ist der Raumakustik unserer Kirche angepasst.

Im Extremfall - bei der gleichstufigen Stimmung (auch gleichschwebend genannt), die heute vorwiegend bei Tasteninstrumenten verwendet wird, - sind alle Quinten geringfügig zu tief und alle Terzen gerade noch erträglich zu hoch gestimmt. Alle Tonarten klingen gleich "rau". Es ist keine ideale Stimmung, sondern nur ein Kompromiss in der Intonation.

Der Cellist Paplo Casals schreibt deshalb in seinem Werk "The Way They Play" (1972):
Erschrecke nicht, wenn Du eine andere Intonation als das Klavier hast. Das liegt am Klavier, das verstimmt ist.

Garnier achtet bei den Stimmungen seiner Orgeln besonders auf die Raumakustik, so dass eine optimale Musikalität erreicht wird.

Wohltemperierte Stimmungen notiert man heutzutage als Abweichung zur gleichstufigen Stimmung in Cent. Die Orgelstimmung in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist die Garnierstimmung Nr. 7. (Heute, 2014, setzt Garnier bereits 16 Stimmungen bei seinen Orgeln ein).

Hinweis: Cent ist ein Maß für die Intervallgröße: 100 Cent = gleichstufiger Halbton. 1 Oktave = 1200 Cent (Frequenzverhältnis 2:1), 2 Oktaven = 2400 Cent Frequenzverhältnis 4:1), 3 Oktaven = 3600 Cent (Frequenzverhältnis 8:1) ... Da sich die Frequenzverhältnisse im Vergleich zur Intervallgröße exponentiell verhalten, berechnen sich die Centwerte umgekehrt logarithmisch aus den Frequenzverhältnissen.

Stimmung Garnier Nr. 7
Ton c cis d es e f fis g gis a b h
Abweichung zur gleichstufigen
Stimmung in Cent
9 1 5 3 -2 8 4 9 4 0 6 1

Die einzelnen Akkorde sind folgendermaßen gestimmt:

Akkord große Terz (in Cent) Quinte (in Cent) Qualität
gleichstufig 400 700 rauh
rein 386 702 strahlend rein
(keine Schwebungen hörbar)
       
ges-b-des 402 697 rauh
des-f-as 407 703 sehr rauh
as-c-es 405 699 sehr rauh
es-g-b 406 703 sehr rauh
b-d-f 399 702 rauh
f-a-c 392 701 strahlend
c-e-g 389 700 strahlend
g-h-d 392 696 strahlend
d-fis-a 399 695 rauh
a-cis-e 401 698 rauh
e-gis-h 406 703 sehr rauh
h-dis-fis 402 703 rauh
fis-ais-cis 402 697 rauh



Hörbeispiele in gleicher Tonlage: strahlend - rauh - sehr rauh.
(Eine Oktave höher erklingen die Schwebungen doppelt so schnell).

ges_dur_bis_fis_dur
Hörbeispiel Garnier Nr. 7 in möglichst gleicher Tonlage


Deutlich hört man den unruhigen Charakter der ersten Akkorde, die sich allmählich zu einem leuchtendem F-Dur, C-Dur und G-Dur Akkord wandeln, um dann wieder rauher zu werden.

Kommentieren