evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Die Garnier-Orgel in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche

Bereits im Juli 1988 schloss der Kirchengemeinderat mit Orgelbaumeister Marc Garnier aus Le Mont Vouillon/Frankreich einen Vertrag über den Bau einer Orgel. Über die Größe des Instruments - 10 Register - wurde rasch Einigkeit erzielt. Aber erst der fünfte Entwurf eines Prospekts wurde angenommen: eine Orgel mit quadratischem Prospekt im Gemeindesaal des Kirchengebäudes, der zu den Gottesdiensten mit dem eigentlichen Kirchenraum verbunden wird. "Wir legten Wert darauf," schreibt Marc Garnier, "die melodische Seite des Klanges zu unterstützen beziehungsweise zu entwickeln, um nicht nur den Gemeindegesang gut zu führen, sondern auch eine "Polymelodie' herzustellen, so dass man trotz der geringen Registerzahl eine vielfältige Musikliteratur des 17. und 18. Jahrhunderts interpretieren kann. Daher ist es den Organisten möglich, die einzelnen Registerklangfarben in mehreren Lagen des Klaviaturumfangs maximal auszuschöpfen."

Die Garnier-Orgel ist eine Kleinorgel, aber trotz der geringen Anzahl ihrer Register verfügt sie über einen kräftigen, farbenreichen Klang und ein prachtvoll strahlendes Plenum.


Neben Marc Garnier haben an unserer Orgel mitgebaut:

Colette Baverel: Windversorgung, Blasebälge, Wellaturen
Didier Specht: Klaviaturen, Spieltrakturen, Spieltisch
Jean-Marc Fraichot: Prospekt, Prospektstöcke, Kondukten
Frédéric Curie: Windkanäle, Gehäusearbeiten
Attila Korompay: Windladenarbeiten, Registertrakturen>


Folgende Firmen wurden herangezogen:

Hermann Klein: Metallpfeifen
Ets. Mairot: Gehäusearbeiten
Reinhold Hummer: Windladenarbeiten
Fa. Laukhuff: Windmaschine

Disposition der Orgel:

I Hauptwerk C-d'''
Prästant 8'
Oktav 4'
Superoktav 2'
Mixtur 11/2'

II Kleinwerk C-d'''
Gedackt 8'
Flöte 4'
Quintlein 11/2'
Regal 8'

Pedal C-f'
Bass 8'
Fagott 16'

Manualschiebekoppel II7I
Pedalkoppeln I/P, II/P
Tremulant in den Manualen

Ungleichschwebend progressive Stimmung (berechnet nach "Garnier Nr. 7')

Der Orgelbauer

Aus einer alten elsässischen Familie stammend, besuchte Marc Garnier ein technisches Gymnasium und die staatliche Technische Hochschule in Belfort. Beeindruckt durch den Klang und die Technik der Orgel ging er 1965 für vier Jahre in die Lehre zu dem Straßburger Orgelbaumeister Kurt Schwenkedel. Als Orgelbauer bildete er sich in Hamburg bei Rudolf von Beckerath weiter. Cembalobau studierte er bei Schütze in Heidelberg. Orgelbauaufträge führten ihn bald nach Norddeutschland, Holland, in die Schweiz, nach Österreich, Jordanien, die USA und Japan. So baute er 1991 mit seinen Mitarbeitern eine der zur Zeit bedeutendsten Orgeln in Japan. Sie hat 126 Register, 14 Werke, 3 Stimmungen und 2 Prospekte. Dieses zurzeit einzigartige Werk ist darüber hinaus noch drehbar. Der Zinn für die Prospektverzierungen unserer Orgel stammt aus den Resten der Pfeifenherstellung für die große Orgel in Japan.

Eine weitere, etwas größere Garnier-Orgel in unserer Region, befindet sich in der Auferstehungskirche in Kirchheim unter Teck.


Garnier Team
Das Garnier-Team nach getaner Arbeit


Die Orgel ist nicht gleichstufig sondern wohltemperiert gestimmt


Das heißt: Die einzelnen Tonarten haben eine unterschiedliche Charakteristik:

Vergleich der Akkorde mit der reinen und gleichstufigen Stimmung.

F-Dur, C-Dur, G-Dur: strahlend fast rein, d-moll, a-moll, e-moll in sich ruhend.

B-Dur, D-Dur, A-Dur, H-Dur, Fis-Dur=Ges-Dur vergleichbar wie gleichstufige Stimmung ("etwas rau").

E-Dur, Es-Dur, As-Dur, Des-Dur=Cis-Dur wie in der pythagoreischen Stimmung ("sehr rau"):

Dazu einige kurze Erläuterungen:

Der Quintenzirkel as es b f c g d a e h fis cis gis geht nicht auf.

Bei rein gestimmten Quinten erklingt der Ton gis höher als der auf einer Orgeltastatur gleich liegende Ton as (Unterschied: Das pythagoreische Komma).

Und was den alten Musikern noch mehr missfiel: Die "pythagoreischen" Terzen (zum Beispiel f ‑ a) sind im Vergleich zu reinen Terzen zu hoch (Unterschied: Das syntonische Komma). Sie klingen rauh und wurden den Dissonanzen zugerechnet.

Die reinen Terzen vermitteln zum Beispiel einem a-capella-Chor ein klares Grundtongefühl und schwebungsfreien Klang, der aber auf einer 12-stufigen Tastatur nicht verwirklicht werden kann.

Deshalb wurden in der Renaissance und im Barock bei der mitteltönigen Stimmung die reinen Quinten auf Tasteninstrumenten geringfügig verkleinert, so dass bei der meist verbreiteten 1/4-mitteltönigen Stimmung nach vier Quinten (zum Beispiel nach f - c - g - d - a ) reine Terzen (hier f ‑ a) erklangen.

Tonbeispiel: Tonbeispiel fc1_f1c2_f1a1

Mit dem Aufkommen von reichhaltigen Modulationen - selbst in Choralsätzen - zeigte sich der Nachteil der mitteltönigen Stimmung: Manche Quinten und Terzen erklingen unerträglich unrein. Zum Beispiel "heult der Wolf" bei der Terz as-c (in Wahrheit bei der verminderten Quarte gis-c) stark.

Noten gis_h_e_as_c_es Tonbeispiel: Ist die Taste Gis passend mitteltönig zu E-Dur gestimmt, kann sie nicht als As verwendet werden. Hier hört man zuerst den wohlklingenden E-Dur-Akkord, dann "heult der Wolf" beim As-Dur-Akkord mit dem falschen As (fast 1/4 Ton zu tief).

Nun wurde die mitteltönige Stimmung abgewandelt zu wohltemperierten Stimmungen. C-Dur-nahe Tonarten nähern die reine Terz möglichst an, während bei entferntere Tonarten höhere Terzen in Kauf genommen werden. Jede Tonart hat so seine eigene "Charakteristik". Es gibt unzählige Vorschläge für wohltemperierte Stimmungen. Die auf unserer Orgel verwirklichte Garnierstimmung Nr. 7 ist der Raumakustik unserer Kirche angepasst.

Im Extremfall - bei der gleichstufigen Stimmung (auch gleichschwebend genannt), die heute vorwiegend bei Tasteninstrumenten verwendet wird, - sind alle Quinten geringfügig zu tief und alle Terzen gerade noch erträglich zu hoch gestimmt. Alle Tonarten klingen gleich "rau". Es ist keine ideale Stimmung, sondern nur ein Kompromiss in der Intonation.

Der Cellist Paplo Casals schreibt deshalb in seinem Werk "The Way They Play" (1972):
Erschrecke nicht, wenn Du eine andere Intonation als das Klavier hast. Das liegt am Klavier, das verstimmt ist.

Garnier achtet bei den Stimmungen seiner Orgeln besonders auf die Raumakustik, so dass eine optimale Musikalität erreicht wird.

Wohltemperierte Stimmungen notiert man heutzutage als Abweichung zur gleichstufigen Stimmung in Cent. Die Orgelstimmung in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ist die Garnierstimmung Nr. 7. (Heute, 2014, setzt Garnier bereits 16 Stimmungen bei seinen Orgeln ein).

Hinweis: Cent ist ein Maß für die Intervallgröße: 100 Cent = gleichstufiger Halbton. 1 Oktave = 1200 Cent (Frequenzverhältnis 2:1), 2 Oktaven = 2400 Cent Frequenzverhältnis 4:1), 3 Oktaven = 3600 Cent (Frequenzverhältnis 8:1) ... Da sich die Frequenzverhältnisse im Vergleich zur Intervallgröße exponentiell verhalten, berechnen sich die Centwerte umgekehrt logarithmisch aus den Frequenzverhältnissen.

Stimmung Garnier Nr. 7
Ton c cis d es e f fis g gis a b h
Abweichung zur gleichstufigen
Stimmung in Cent
9 1 5 3 -2 8 4 9 4 0 6 1

Die einzelnen Akkorde sind folgendermaßen gestimmt:

Akkord große Terz (in Cent) Quinte (in Cent) Qualität
gleichstufig 400 700 rauh
rein 386 702 strahlend rein
(keine Schwebungen hörbar)
       
ges-b-des 402 697 rauh
des-f-as 407 703 sehr rauh
as-c-es 405 699 sehr rauh
es-g-b 406 703 sehr rauh
b-d-f 399 702 rauh
f-a-c 392 701 strahlend
c-e-g 389 700 strahlend
g-h-d 392 696 strahlend
d-fis-a 399 695 rauh
a-cis-e 401 698 rauh
e-gis-h 406 703 sehr rauh
h-dis-fis 402 703 rauh
fis-ais-cis 402 697 rauh



Hörbeispiele in gleicher Tonlage: strahlend - rauh - sehr rauh.
(Eine Oktave höher erklingen die Schwebungen doppelt so schnell).

ges_dur_bis_fis_dur
Hörbeispiel Garnier Nr. 7 in möglichst gleicher Tonlage



Deutlich hört man den unruhigen Charakter der ersten Akkorde, die sich allmählich zu einem leuchtendem F-Dur, C-Dur und G-Dur Akkord wandeln, um dann wieder rauher zu werden.

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