evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Stellungnahme zum Aufruf für einen offiziellen kirchlichen Gedenktag am 9. November


„Umkehr und Erinnerung“

Die Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung Oberschwaben e. V. mit Sitz in Ravensburg bat ihr Mitglied Professor Rupert Feneberg um eine Stellungnahme zum Aufruf der Tübinger Dietrich- Bonhoeffer-Gemeinde „An alle Kirchen in unserem Land: Erinnerung und Umkehr – für einen offiziellen kirchlichen Gedenktag am 9. November“. Nachstehend folgt die Stellungnahme. Der Autor, Dr. phil. Dr. theol. Rupert Feneberg, ist Professor für Katholische Theologie / Religionspädagogik (Schwerpunkt: Neues Testament) an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.

6. Juli 2006

(An die Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung Oberschwaben e. V., Herrn Gottfried Kuhn)

Lieber Herr Kuhn,

Sie wollen eine kurze Stellungnahme zu dem Aufruf "Erinnerung und Umkehr" der Tübinger Dietrich- Bonhoeffer-Kirchengemeinde.

Ich finde die Idee ausgezeichnet und jeder Unterstützung wert. Meine ersten Bedenken haben sich erledigt, da es erstens nicht um einen neuen kirchlichen Feiertag geht, wie ich anfangs verstanden habe, und weil zweitens der Unterschied zum Auschwitz-Tag am 27. Januar inhaltlich gut begründet ist.

Es handelt sich um einen offiziellen Gedenktag, der im liturgischen Kalender aller Kirchen aufgenommen werden sollte. Und es handelt sich um ein Gedenken, das in besonderer Weise die Kirchen betrifft, weil es sich um Gotteshäuser handelt, die 1938 zerstört wurden, und weil mit diesen Gotteshäusern derselbe Gott ausgelöscht werden sollte, der auch der Gott Jesu Christi war und den demnach auch die Christen anbeten und verehren. Es geht also um ein theologisches Anliegen, das jedes Jahr neu den in den Kirchen tief sitzenden christlichen Antijudaismus benennen und damit auch bekämpfen will.

An den Erläuterungen gefällt mir besonders, dass alle schon bestehenden örtlichen Initiativen gestützt und beibehalten werden können. Wir haben zum Beispiel mit der evangelischen und katholischen Studentengemeinde in der bis 1938 nächstliegenden Synagoge Bad Buchau, in die auch die Ravensburger Juden zu den Festen in den Gottesdienst gegangen sind, einen ökumenischen Gottesdienst und anschließend einen Gang mit Kerzen zum jüdischen Friedhof zum Gedenken angestoßen. Dieser Gottesdienst findet seit 1978 alle 10 Jahre statt, und das trotz wechselnder Pfarrer und beim ersten Mal trotz erheblicher Bedenken von der Stadt und ihrer Bewohner. Das hat sich sehr geändert. Aber dennoch müssen jedes Mal neu die Pfarrer (und die Stadt) informiert und gewonnen werden, weil sie die frühere Tradition nicht kennen.

Ein jährliches Gedenken, das im liturgischen Kalender vermerkt wäre, würde diese Tradition viel besser in den Gemeinden verankern. Die Gemeinden könnten von sich aus auch das ganze Umland, eben das frühere Einzugsgebiet der Synagoge von Bad Buchau, dazu einladen.

Ergänzend möchte ich noch vorschlagen, dass zu diesem Gedenken an das Versagen der Kirchen 1938 auch das Erinnern der wenigen gehören würde, die damals die Dimension des Unrechts gesehen und erkannt haben und die Widerstand geleistet haben. Ich denke, dass deren Namen und deren Geschichte zu diesem Gedenken gehören. Gerade weil es so wenig sind, müssten sie in diesem Zusammenhang in Erinnerung gerufen (und weiter erforscht) werden. Ich denke z.B. an Gollwitzer, von Jan, Brinkmann, Lichtenberg, Immer, auch an Bonhoeffer und Hermann Maas.

Fazit: Wir sollten als Gesellschaft für christlich-jüdische Begegnung in Oberschwaben das Anliegen befürworten und selbst unterstützen.

Herzlichen Gruß
Rupert Feneberg
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