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Bericht von der Reise nach Petrosawodsk 26. Juni bis 3. Juli 2002


Arbeitskreis Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk

Teilnehmer: Pfarrer i. R. Dankwart-Paul Zeller, Pfarrer Dr. Michael Volkmann, Dr. Renée Schmitt-Kip


Vorbemerkung [zum Seitenanfang]

Petrosawodsk, die Hauptstadt der nordwestrussischen Republik Karelien, ist seit 1989 Partnerstadt Tübingens. Wesentlichen Anteil am Zustandekommen der Städtepartnerschaft noch in sowjetischer Zeit hatte Pfarrer i. R. Dankwart-Paul Zeller, der als junger Mann als Kriegsgefangener in Karelien gelebt und seine Kontakte dorthin erneuert hatte (vgl. Dankwart-Paul Zeller, Galerie-Kneipe. Ein ausgefallenes Wiedersehen, Stuttgart 1997).
Am Beginn unserer christlich-jüdischen Beziehungen stand das Gespräch zwischen Pfarrer Zeller und Dimitrij Tsvibel, das auf Vermittlung des Vorsitzenden der Vereinigung der minderjährigen KZ-Häftlinge, Vadim Misko, im Sommer 1995 in Petrosawodsk stattfand. Direkte Folge war die Aktion „Eine Torarolle für die Juden in Petrosawodsk“, initiiert von den Pfarrern Zeller und Volkmann (November 1995-April 1996), die Gründung und Registrierung der Jüdischen Religionsgemeinde Petrosawodsk im April 1996 und die „Mattan-Tora“-(Übergabe-)Zeremonie in der Hauptsynagoge von St. Petersburg im Juli 1996 (vom Diakonischen Werk der Evangelischen Landeskirche in Württemberg e. V. unterstützt und dokumentiert in der Broschüre „Eine Thorarolle für die jüdische Gemeinde in Petrosavodsk - Rußland“).
Ende 1996 beschloss der Kirchengemeinderat der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche dauerhafte Beziehungen zur jüdischen Gemeinde Petrosawodsk zu unterhalten. Im Januar 1997 entstand auf ACK-Ebene der Tübinger Arbeitskreis „Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk“. Seither finden jährliche Begegnungen statt. Das Engagement für die jüdische Gemeinde Petrosawodsk wurde bislang unterstützt von der Stadt Tübingen, der West-Ost-Gesellschaft Tübingen, der Stiftung Weltethos Tübingen, dem Diakonischen Werk Württemberg, der Stiftung West-Östliche Beziehungen Berlin, der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Berlin, der Kirchlichen Bruderschaft Württemberg, dem Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e. V., der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Tübingen, dem Evangelischen Stift und dem katholischen Wilhelmsstift Tübingen, Kirchengemeinden unterschiedlicher Konfessionen und Einzelpersonen.
Wir danken der West-Ost-Gesellschaft Tübingen und Petrosawodsk sehr für ihre Hilfe bei der Planung und Durchführung unserer Begegnungsreisen!


Programm der Reise [zum Seitenanfang]

Mittwoch, 26. Juni 2002
11:15 Abfahrt mit der Bahn von Tübingen zum Flughafen München.
18:00 Abflug mit Pulkovo-Flug FV 258 von München.
22:50 Ankunft in St. Petersburg Pulkovo 1. Abholung durch Michail Brawyi und Fahrer.
23:30 Abfahrt mit dem Minibus der jüdischen Gemeinde nach Petrosawodsk.

Donnerstag, 27. Juni 2002
07:00 Ankunft in Petrosawodsk, Verteilung auf die Gastfamilien, Ruhepause.
14:00 Begrüßungs-Essen im Restaurant Lyra mit Vertretern der Jüdischen Religionsgemeinde, der Kulturgesellschaft Schalom, des Hesed Agamim und der Vereinigung minderjähriger KZ-Häftlinge.
16:00 Besichtigung der jüdischen Friedhofes und des von der Stadt für den Neubau der Synagoge zur Verfügung gestellten Grundstückes in der Nachbarschafts des Zollamts.
18:00 Abendessen in den Räumen des Hesed Agamim (Synagoge) mit dem Ältestenrat der Gemeinde. Überreichung unserer Geschenke: Medikamente, Blutdruckmessgerät, 2.500 Euro, wovon 2.082 Euro durch ein Benefizkonzert von „David Orlowsky's Klezmorim“ am 16.6.02 in der Tübinger Stiftskirche aufgebracht worden waren.

Freitag, 28. Juni 2002
10:00 Stadtrundgang mit Besuch der Kunstausstellung „Partnerschaft Petrosawodsk-Tübingen“ im Foyer der Philharmonie. Der vorgesehene Besuch im Holocaust-Museum kann wegen technischer Probleme nicht stattfinden.
Besuch der am Stadtrand gelegenen Gedenkstätte Pieski (Gräber deutscher und ungarischer Kriegsgefangener, die 1995 von Tübinger Schülern zu einer Gedenkstätte angelegt wurden).
Gang zur Seepromenade und Besuch der dort liegenden Museumsschiffe.
16:00 Sabbat-Empfangsfeier in der Synagoge, Teilnahme von Vertretern der Gemeindejugend. Überreichung der Urkunde über die Pflanzung von 12 Bäumen in Israel zu Ehren der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk und eines Albums mit Bildern und Grüßen von rund 250 Menschen aus der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und aus Tübingen.
19:00 Spaziergang zum Stadtfest.
Fahrt zu den nördlichen Stadtteilen Petrosawodsks und zum Strand des Onegasees.

Samstag, 29. Juni 2002
10:00 Sabbatgottesdienst mit Lesung des Toraabschnitts „Pinchas“ (4. Mose 25,10-30,1) unter Aufrufung von Pfr. Zeller und Pfr. Volkmann als Ehrenmitglieder der Gemeinde zur Tora-Lesung.
14:00 Gang zum Stadtfest.
15:00 Besuch des Konzerts des Onega-Orchesters (russische Nationalinstrumente) unter Leitung von Gennadi Mironow mit der Petrosawodsker Sopranistin Irina Popova und dem Moskauer Tenor Nikolaus Basiljew in der Karelischen Staats-Philharmonie.
17:00 Einladung zu Familie Tsvibel (Leiter der Religionsgemeinde) nach Kljutschewaja.
19:00 Offizieller Empfang der Stadtverwaltung mit Oberbürgermeister Viktor Masljakow und dem Stadtpräsidenten.

Sonntag, 30. Juni 2002
09:00 Fahrt mit dem Tragflügelschiff zur Insel Kischi als Gäste der Stadt Petrosawodsk. Besichtigung des UNESCO-Weltkulturerbes auf der Insel: Holzkirchenensemble 18. Jh. und Bauernhausmuseum.
14:30 Besuch der Lutherischen Kirchengemeinde, Gespräch mit Pastor Grinewitsch.
16:00 Fahrt zur Datscha von Michail Brawyi. Besuch einer Gedenkstätte von Opfern stalinistischer Gewaltherrschaft (Massengräber mit über 7.000 Toten).

Montag, 1. Juli 2002
09:15 Gespräch mit dem Stadtpräsidenten.
10:00 Besuch einer Ausstellung von Aquarellbildern Heinrich Vogelers im Stadtmuseum.
10:30 Gespräch mit dem Vorsitzenden der Kulturgesellschaft Schalom, Alexander Modilewski, und dem Leiter der Jugendarbeit, Igor, über die Möglichkeiten eines christlich-jüdischen Jugendaustausches mit Tübingen.
12:00 Prof. Dr. Mark Burkin führt Dr. Renée Schmitt-Kip durch das Psychiatrische Krankenhaus der Republik Karelien.
14:30 Besuch der neuen orthodoxen Alexander-Newskij-Kathedrale.
15:00 Gespräch mit Vertretern der karelischen West-Ost-Gesellschaft in deren Büro: Mark Kirsanow, Ludmilla Druskina und Swetlana Kopzewa.
17:00 Gespräch mit dem Leiter des Hesed Agamim, Michail Brawyi.
18:00 Künstlerabend im „Dom Aktera“ (Künstlerhaus im Finnischen Theater) mit Aufführungen der Gemeinde-Tanzgruppen für Kinder („Masl-Tow“) und junge Leute.
22:00 Diktat und Übersetzung eines Textes über Dietrich Bonhoeffer für die jüdischen Gemeindenachrichten.

Dienstag, 2. Juli 2002
11:00 Besuch der Republikanischen Kinderklinik, Gespräch mit Dr. Valerij Derbenjew.
12:00 Besuch der Republikanischen Klinik (Chirurgie), Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Fetjukow.
14:00 Gespräch mit der Abiturientin Katharina S. aus dem Lyzeum Nr. 40 über ihre deutsch verfasste Abschlussarbeit über das Holocaust-Museum Petrosawodsk.
15:00 Gespräch mit dem orthodoxen Erzbischof von Karelien, Manuil.
23:00 Verabschiedung auf dem Bahnhof von Petrosawodsk.
23:20 Abreise mit dem Nachtzug nach St. Petersburg.

Mittwoch, 3. Juli 2002
08:40 Ankunft in St. Petersburg. Stadtrundgang mit Besuch der lutherischen Kirche am Newskij-Prospekt, der Kasan-Kathedrale, des Vorplatzes der Eremitage und der Isaaks-Kathedrale.
16:30 Abflug mit Flug Pulkovo FV 257 nach München.
23:40 Ankunft mit der Bahn aus München in Tübingen.


Kurzberichte [zum Seitenanfang]
  1. Zur Situation der karelischen Juden
  2. Jüdische Religionsgemeinde
  3. Kulturgesellschaft Schalom
  4. Hesed Agamim (Wohlfahrtsstelle)
  5. Jüdischer Friedhof
  6. Projekt Synagogen-Neubau
  7. Stadtverwaltung Petrosawodsk
  8. Orthodoxe Kirche
  9. Lutherische Gemeinde
  10. Zur wirtschaftlichen Situation
  11. Krankenhäuser
  12. Vereinigung der minderjährigen KZ-Häftlinge, Holocaust-Museum und Gedenkstätten
  13. Resümee der Reise und Chancen künftiger Begegnungen

1. Zur Situation der karelischen Juden [zur Übersicht Kurzberichte]
Die ersten Juden kamen als Soldaten nach der Mitte des 19. Jahrhunderts nach Karelien. 1902 erfolgte die erste Gemeindegründung. Die Synagoge, wie fast alle Häuser in der Stadt aus Holz gebaut, brannte in den zwanziger Jahren ab. Heute leben in Karelien (rund 600.000 Einwohner, die Hälfte davon in Petrosawodsk) rund 1.500 Juden, mit nichtjüdischen Familienangehörigen bis zu 2.500 Menschen. Viele Juden sind schon ausgewandert, vor allem jüngere und wohlhabende. So hat die Gemeinde heute keine reichen jüdischen Sponsoren mehr. Zielländer der Auswanderung sind Deutschland und Israel. Inzwischen leben Juden aus Petrosawodsk in rund 10 israelischen Städten, so dass viele karelisch-jüdische Familien Angehörige in Israel bzw. Deutschland haben.
Das jüdische Leben in Karelien steht auf drei Säulen: Die Kulturgesellschaft Schalom entstand während der Zeit der Perestroika. Die jüdische Religionsgemeinde wurde 1996 gegründet. Der Wohlfahrtsausschuss Hesed Agamim besteht seit 1998.
Die Gesellschaft Schalom ist in den zuerst als Synagoge genutzten Räumen nahe der heutigen Synagoge untergebracht; für den Jugendclub hat sie einen Saal am Kirowplatz angemietet. Religionsgemeinde und Hesed Agamim teilen sich die Räume einer großen Wohnung am Leninplatz 1: der Club (am Sabbat: Synagoge) ist der größte Raum; Sprechzimmer; medizinisches Kabinett; Büro des Chesed; Mitarbeiterinnenraum; Tageszentrum für Ältere (zugleich Raum fürs Mutter-Kind-Programm „Masl-Tow“); Bibliotheksraum; Küche; Sanitärräume. Durch einen Brand im nicht genutzten Obergeschoss des Hauses sind Wasserschäden entstanden, die derzeit repariert werden. Die zentral gelegenen Räumlichkeiten sind von der Stadt zur Verfügung gestellt worden.


2. Jüdische Religionsgemeinde [zur Übersicht Kurzberichte]
Vorsitzender der Religionsgemeinde ist Dimitrij Tsvibel (geb. 1945), Vorbeter und einziger Hebräisch Sprechender ist Efim Levin (86 Jahre). Der Gottesdienst wird nach dem vom American Joint Distribution Committee herausgegebenen zweisprachigen „Siddur Scha'arei T'filla Nossach S'farad“ (Jerusalem 1994) weitgehend auf Russisch gehalten. Der Minjan (zehn Männer) wird problemlos erreicht. Der von uns mitgefeierte Gottesdienst war von 19 Männern und fünf Frauen besucht. Unter den Männern war eine Gruppe von vielleicht sechs unter 45-Jährigen. Zielgruppe für Gottesdienste und Feste sind alle Juden Kareliens. Aktive Gruppen der Gesellschaft Schalom und der Wohlfahrtsstelle werden turnusgemäß in die Gottesdienste eingebunden.


3. Kulturgesellschaft Schalom [zur Übersicht Kurzberichte]
Vorsitzender ist der frühere Transportminister Kareliens, Alexander Modilevski (geb. 1930). Schalom unterhält seit seiner Gründung Ende der achtziger Jahre eine Sonntagsschule für Kinder und Jugendliche, in der vor allem Geschichte und Feste des Judentums gelernt werden. Die Zielgruppe des Schalom umfasst etwa 400 Kinder und Jugendliche.
Der 37-jährige an einer Talmudschule ausgebildetet Igor leitet seit über einem Jahr die Jugendarbeit der Gesellschaft. Der Jugendclub mit seinen 120 Teilnehmern trifft sich in einem Saal am Kirow-Platz. Igor rechnet noch mit einer Steigerung der Teilnehmerzahl in der nächsten Zeit.
Die Kulturgesellschaft ist sehr an einem christlich-jüdischen Jugendaustausch mit Tübingen interessiert.


4. Hesed Agamim (Wohlfahrtsstelle) [zur Übersicht Kurzberichte]
Hauptamtlicher Direktor ist Michail Brawyi (geb. 1946). Hesed hat einige angestellte Mitarbeiterinnen und 80 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Bei Hesed sind 600 Menschen über 50 bzw. 55 Jahren (Ruhestandsalter) an zwölf Orten Kareliens eingetragen. Tatsächlich nehmen bis zu 800 Renter/-innen, Behinderte und Mütter von kleinen Kindern die Dienste von Hesed in Anspruch.
Hesed Agamim gehört zum Verband der russischen Hesed-Organisationen, deren Arbeit von der Vereinigung der jüdischen Gemeinden Russlands und vom JDC (American) Joint Distribution Committee unterstützt wird. Finanzhilfen aus Tübingen werden im Sinne von „freien Mitteln“ für besondere Ausgaben verwendet.
Hesed stellt vielen Bedürftigen Lebensmittelpakete zur Verfügung, bietet medizinische Konsulationen, Therapien und Medikamente an, unterhält einen Essenszubringer- und einen Besuchsdienst, ein Mutter-Kind-Programm und ein Tageszentrum für Hochbetagte.
Hesed Agamim ist ein professionell betriebenes, sehr gut organisiertes Wohlfahrtsunternehmen, das sich auf das Engagement von 80 hoch motivierten ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern verlassen kann.
Für ihre Spende von 2.082 Euro aus einem Klezmer-Benefizkonzert übergab uns Dimitrij Tsvibel Ehrenurkunden der Gemeinde für „David Orlowsky's Klezmorim“. Eine weitere Urkunde erhält der württembergische Pfarrer Horst Keil, der bereits zum wiederholten Male mit einer deutschen Flussschiffs-Reisegruppe die Gemeinde besuchte.


5. Jüdischer Friedhof [zur Übersicht Kurzberichte]
Die Mitte der 90er Jahre drohende Enteignung des 1939 zum letzten Mal belegten Friedhofes konnte durch ein von Tübingen aus initiiertes Sommerlager der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste 1996 abgewendet werden. Von den Überschüssen der Torarollen-Spendenaktion wurde ein Zaun um das Grundstück finanziert, Vorbedingung dafür, dass die Stadt das Grundstück zur Nutzung und Pflege der jüdischen Gemeinde übergab. Da der Friedhof länger als 25 Jahre nicht belegt wurde, sind keine Bestattungen mehr möglich. Er soll als Gedenkort erhalten bleiben und eine künstlerisch gestaltete Mitte (Menora) erhalten. Begräbnisort der heutigen Gemeinde ist ein städtischer Friedhof in 22 km Entfernung vor der Stadt. Dort ist keine ausgewiesene jüdische Abteilung geplant, weil man ihre Verwüstung durch Antisemiten befürchtet.
Der doppelte „Zeller-Bogen“ am unverschlossenen Friedhofseingang, bestehend aus einem Spitz- und einem Rundbogen, zwischen denen ein Davidsstern angebracht ist, ist eines der Wahrzeichen der karelischen Juden. Wiederholt wurde er mit Farbe beschmiert und mit antisemitischen Symbolen oder Parolen beschrieben.


6. Projekt Synagogen-Neubau [zur Übersicht Kurzberichte]
Die Gemeinde kann nicht mit einem unbegrenzten Nutzungsrecht der Räume am Leninplatz rechnen. Auch die Räume der Gesellschaft Schalom sind eher ein Provisorium. Für größere Veranstaltungen muss ein Saal am Kirowplatz (Jugendclub), das Künstlerhaus oder gar der große Saal der Philharmonie angemietet werden. Darum ist ein Synagogenneubau in Planung. Im Tausch gegen das am Onegasee gelegene Grundstück der abgebrannten Synagoge erhielt die Gemeinde ein herrlich gelegendes Grundstück über dem Tal des Flüsschens Neglunka im Zentrum neben dem Zollamt (Bereich Krupskoja-/Gerzena-Straße) zugewiesen. Der als Diplomarbeit von Roman Schneidermann gefertigte Entwurf des Gemeindezentrums wird vom Architekten Isaakson weiter bearbeitet. Die Finanzierung des Neubaus ist noch zu klären.


7. Stadtverwaltung Petrosawodsk [zur Übersicht Kurzberichte]
Oberbürgermeister und Stadtduma von Petrosawodsk halten die gesetzlich gebotene Neutralität staatlicher Instanzen in religiösen Dingen ein und fördern die anerkannten Religionsgemeinschaften im Rahmen des Möglichen. In einem Gespräch bei einem früheren Besuch sagte der damalige OB und jetzige karelische Präsident, Sergej Katanandov, zu den anwesenden jüdischen Vertretern: „Bitte wandern Sie nicht aus. Bleiben Sie hier und helfen Sie beim Aufbau des Landes und der Stadt.“
Der in diesem Frühjahr gewählte OB Viktor Masljakow und der ebenfalls neu gewählte Präsident der Stadtduma, seit 18 Jahren Weggenosse Masljakows, stehen der liberalen und pragmatischen politischen Richtung Katanandows nahe. OB Masljakow begrüßte uns beim offiziellen Empfang zum Stadtfest. Auf unsere Frage, wann es in Petrosawodsk eine Tübinger Straße geben werde, erwiderte er, dass dies in einer konzertierten Aktion mit der zeitgleichen Benennung einer Petrosawodsker Straße in Tübingen denkbar wäre. Der Stadtpräsident räumte uns ein halbstündiges Gespräch ein, in dem wir von unseren Beziehunge berichteten, Grüße der ACK Tübingen überbrachten und auf Anliegen der Vereinigung minderjähriger KZ-Häftlinge und der jüdischen Gemeinde hinwiesen, die wir unterstützen und für die wir um die Unterstützung der Stadt Petrosawodsk warben.


8. Orthodoxe Kirche [zur Übersicht Kurzberichte]
Zum zweiten Mal nach 2000 führten wir ein Gespräch im Amtssitz des karelischen Erzbischofs. Damals informierten wir den Bischofsstellvertreter, Bruder Oleg, über unsere Beziehungen zur jüdischen Gemeinde und warben für christlich-jüdische Kontakte in der Stadt. Bei dieser Reise empfing uns Erzbischof Manuil zu einem persönlichen Gespräch von 75 Minuten Länge.
Der Erzbischof und Pfarrer Zeller kennen sich seit einem Tübingen-Besuch des damaligen Priesters Manuil vor 13 Jahren, und begrüßten sich als alte Bekannte. Der Erzbischof nahm die Grüße der ACK Tübingen sowie unser Gastgeschenk, eine Flasche württembergischen Kirchenwein, mit Freude entgegen. Er erinnert sich gerne an Tübingen und würde eine Einladung hierher wieder annehmen. Wir berichteten ihm über unsere Kontakte zur jüdischen Gemeinde und zur lutherischen Kirche Kareliens, über die ACK Tübingen und über unsere Eindrücke auf unserem Besuch. Es kam zum direkten Gespräch zwischen dem Erzbischof und dem Leiter des Hesed Agamim, Michail Brawyi, der die neuesten jüdischen Gemeindebriefe überreichte. Wir regten an, dass zum bevorstehenden 300jährigen Stadtjubiläum auch die in Karelien ansässigen Religionsgemeinschaften sich darstellten, eventuell mit einer gemeinsamen Ausstellung, eine für den Erzbischof interessante Idee. Das Gespräch verlief in einer freundlichen und offenen Atmosphäre. Wir hoffen, dass das gegenseitige Kennenlernen künftige Kontakte zwischen der orthodoxen Kirche und der jüdischen Gemeinde erleichtert.


9. Lutherische Gemeinde [zur Übersicht Kurzberichte]
Pastor Grinewitsch empfing uns in seinem Gemeindesaal mit Kaffee und Kuchen. Sowohl Pfarrer Zeller als auch Pfarrer Volkmann hatten ihn bei früheren Besuchen gesprochen. Anfang der 90er Jahre war aus Tübingen auch Pfarrer Karlfriedrich Schaller (Jakobusgemeinde), damals im Kirchenbezirk Tübingen zuständig für ökumenische Kontakte, bei Pastor Grinewitsch.
Die Lutherische Gemeinde ist ihrem Ursprung nach finnisch. Sie hat 400 Mitglieder und hofft, unter den 1200 finnischstämmigen Kareliern noch weitere Mitglieder zu gewinnen. Die Gottesdienste werden in russischer Sprache gehalten. Pastor Grinewitsch ist der erste eigene Pfarrer, den die Gemeinde nunmehr seit zehn Jahren hat. Zuvor wurde sie von einem lutherischen Pastor aus Lettland von Zeit zu Zeit besucht. Die Gemeinde unterhält eine aktive Kinder-, Jugend- und Erwachsenenarbeit (Sonntagsschule mit 20 Kindern, Jugendarbeit mit ca. 15 Teilnehmenden). Auf unsere Bitte überließ uns der Pastor je ein russisches und ein finnisches Gesangbuch der Gemeinde.
Die Gemeinde ist in einer Holzkirche am Rand der Stadt im Viertel Kljutschewaja heimisch. Sie plant das Projekt eines Kirchenneubaus, dessen Pläne uns der Pastor vorlegte. Die Stadt hat für den Neubau ein zentrumsnahes Grundstück bei der Prawdjistraße in Aussicht gestellt. Pastor Grinewitsch bittet für das Bauprojekt, das vor allem von der finnischen Kirche unterstützt wird, auch um Tübinger Hilfe. Wir ließen zunächst einen symbolischen Betrag da und sagten zu, uns in Tübingen für die lutherische Gemeinde Petrosawodsk einzusetzen.


10. Zur wirtschaftlichen Situation [zur Übersicht Kurzberichte]
Die Wirtschaftskrise, die vor vier Jahren im Raum St. Petersburg und in Karelien noch deutlich spürbar war, ist einer langsamen Stabilisierung gewichen. Soziale Not ist heute nicht mehr so augenfällig wie damals. Dennoch gibt es viele bedürftige Menschen, vor allem unter Rentnern, Behinderten und allein Erziehenden. Viele Menschen haben im Monat nur zwischen 500 und 1000 Rubel zum Leben (ein Euro sind 31 Rubel). Auf dem Hauptbahnhof in St. Petersburg bieten Privatleute auf Schildern, die sie hochhalten, Fremdenzimmer an. Auf der anderen Seite gibt es auch wohlhabende bis sehr reiche Menschen, die sich die immer reichlicher vorhandenen Importwaren zu mitteleuropäischen Preisen ohne Weiteres leisten können.
Dem westlichen Besucher fallen die vielen schlechten Straßen und maroden Gebäude auf. Bahn- und Industrieanlagen machen einen herunter gekommenen und vernachlässigten Eindruck. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind zum großen Teil alt und abgenutzt. Auch bei flüchtiger Betrachtung fallen jedoch Fortschritte auf. So wurde das Telefonsystem völlig erneuert und entspricht westeuropäischem Niveau. Nicht wenige Leute können sich neue Autos oder elektronische Geräte leisten. Das Angebot an erschwinglichem Obst und Gemüse, wichtig für die Vitaminversorgung, ist gewachsen. Es gibt jedoch keine preiswerten Medikamente.
Offenbar unberührt von der Wirtschaftskrise, ist der Bildungs- und Ausbildungsstandard in Russland sehr hoch, so weit wir dies von außen beurteilen können.


11. Krankenhäuser [zur Übersicht Kurzberichte]
Durch persönliche Beziehungen zu den Ärzten Derbenjew, Fetjukow und Burkin konnten wir karelische Krankenhäuser besichtigen. Die Gebäude und das meiste Inventar stammen aus sowjetischer Zeit, teilweise wurden Schönheitsrenovierungen durchgeführt. In Diagnostik und Therapie werden modernste elektronische Geräte eingesetzt. Die Ärzte Derbenjew und Fetjukow haben vor einigen Jahren Praktika und Fortbildungen in Baden-Württemberg gemacht und setzen neueste Methoden ein. Die Verwaltung scheint noch ohne elektronische Datenverarbeitung auskommen zu müssen, ein Intranet gibt es in diesen Krankenhäusern noch nicht.
Die medizinische und menschliche Versorgung der Patienten ist vorbildlich. Geldmangel ist vor allem im Pflegebereich (Betten, Wäsche) feststellbar. Medikamente erhalten die Kliniken durch staatliche Zuweisungen. Mit Überraschung nahmen wir die neuerbaute orthodoxe Krankenhauskapelle in der Chirurgischen Klinik wahr, in der ein orthodoxer Priester als Krankenhausseelsorger Dienst tut.
Da wir den Hesed Agamim in der Vergangenheit mit Medikamenten aus der Arzneimittelhilfe des Deutschen Instituts für Ärztliche Mission (DIFÄM) in Tübingen versorgt hatten, dies aber aus zollrechtlichen Gründen inzwischen nicht mehr möglich ist, interessierte uns die Frage der Versorgung mit Medikamenten besonders. Wir hörten, dass das zuständige Ministerium in Moskau an einer Positivliste zollfreier Arzneimittelwirkstoffe arbeite. Sobald diese veröffentlicht ist, können die auf ihr aufgelisteten Präparate problemlos eingeführt werden.


12. Vereinigung minderjähriger KZ-Häftlinge, Holocaust-Museum und Gedenkstätten [zur Übersicht Kurzberichte]
Vorsitzender der Vereinigung ist Vadim Misko, der als 16jähriger mehrere deutsche Konzentrationslager durchlaufen hat. Die Vereinigung hat in Karelien mehrere hundert Mitglieder. Karelien selbst war nicht von der Wehrmacht besetzt, jedoch von finnischen Truppen. Vadim Misko setzt sich für die Belange und die Lösung der Probleme der Menschen ein, die als Kinder und Jugendliche KZs und Zwangsarbeitslager überlebten. Durch diese Arbeit steht er in engem Kontakt auch mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk und mit deutschen Organisationen wie der Maximilian-Kolbe-Stiftung und der Deutschen Kriegsgräberfürsorge.
Die Maximilian-Kolbe-Stiftung unterstützt Miskos Projekt eines ersten Holocaust-Museums in Russland. Weil die Räume unvorhergesehener Weise nicht zugänglich waren, konnten wir das Museum nicht besichtigen. In einem früheren Zustand haben wir es bereits gesehen. Eine Abiturientin des Lyzeums Nr. 40 überreichte uns zusammen mit ihrer Deutschlehrerin ihre Abschlussarbeit aus dem Deutschunterricht, in der sie das Museumsprojekt darstellt und dokumentiert.
Vadim Misko setzt sich außerdem für den Erhalt der karelischen Gedenkstätten ein, an denen tote Kriegsgefangene und Opfer des Stalinismus liegen. Hierbei unterstützen ihn die russische Organisation Memorial und die Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Wir besuchten die Gedenkstätte Pieski bei Petrosawodsk, wo deutsche und ungarische Kriegsgefangene und die im Befreiungskampf um die Stadt gefallenen russischen Soldaten auf benachbarten Friedhöfen liegen, sowie ein an der südlichen Ausfallstraße gelegenes Massengrab, wo über 7.000 auf Befehl Stalins ermordete russische Lagerhäftlinge liegen. Auf einer früheren Reise besuchten wir den Gedenkort Padosero in der Umgebung von Petrosawodsk. Dort sind rund 160 Tote des NKWD-Lagers 517 für im Jahr 1945 verschleppte deutsche junge Frauen bestattet.


13. Resümee der Reise und Chancen künftiger Begegnungen. [zur Übersicht Kurzberichte]
Wir haben auf der nunmehr vierten Reise von Vertretern unseres Arbeitskreises nach Petrosawodsk vielfältige Eindrücke bekommen, bestehende Freundschaften und Beziehungen vertieft und neue angeknüpft. Im Zentrum steht die christlich-jüdische Begegnung. Sie ist von gegenseitigem Respekt und großer Herzlichkeit gekennzeichnet. Überall stießen wir auf starkes Interesse an Kontakten nach Tübingen. Überall brachten wir den ACK-Hintergrund unseres Engagements zur Sprache.
Im kommenden Jahr feiern die Städte St. Petersburg und Petrosawodsk den 300. Jahrestag ihrer Gründung. Wir sind (außer der Reihe, da wir uns bislang jährlich abwechselnd gegenseitig besuchten) nach Petrosawodsk eingeladen und möchten dieser Einladung auch entsprechen.
Wünsche, die an uns herangetragen wurden: