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Atmosphäre der Liebe


Dimitrij Zwiebel (übersetzt von Julita Huf)

Aus: „Gemeinde-Nachrichten“ der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk, August 1999

 

Es gibt Ereignisse, die das weitere Leben viele Jahre im voraus bestimmen. Ein solches Ereignis war, wie wir meinen, der Besuch der Delegation unserer Gemeinde - Jurij Rybak, Michail Brawyi und Dimitrij Zwiebel - vom 7. bis 16. Juli [1999] in Tübingen. Noch vieles muss man begreifen, ordnen, über einiges nachdenken, doch schon jetzt ist klar: durch den Besuch wurde ein starker Impuls für die Entwicklung der jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk gegeben.

 

Diese zehn Tage waren sehr ereignisreich. Es gab Begegnungen, Diskussionen, Bekanntschaften, Empfänge, einen Gottesdienst in der Stuttgarter Synagoge und in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche, ein Seminar, Teilnahme am Tübinger Stadtfest und sogar eine Wanderung durch den königlichen Wald, verbunden mit Picknick einschließlich Wodka im Wolkenbruch. Wir trafen Dr. Hartmut Metzger, den Leiter des Denkendorfer Kreises, der die Toralernwoche in Petrosawodsk im vergangenen Jahr organisiert hatte. Wir haben ihm unseren Dank ausgesprochen. Es gab ein anrührendes Wiedersehen mit dem ehemaligen Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid, der maßgeblich war für die Anknüpfung der Beziehungen zwischen unserer Kommune und Tübingen. Er besuchte während seines vorjährigen Petrosawodsk-Aufenthaltes unsere Synagoge. Dankbar nahm er unser Geschenk entgegen. Wir haben auch die neue Oberbürgermeisterin, Frau Brigitte Russ-Scherer, kennengelernt und ein Treffen mit ihr in Petrosawodsk vereinbart.

 

Sehr interessant war der Besuch im Deutschen Institut für Ärztliche Mission (DIFÄM). Das Institut leistet eine riesige Arbeit bei der Unterstützung Hilfsbedürftiger in der ganzen Welt mit Medikamenten. Wir haben den Leiter des Instituts, Dr. Benn, mit unseren Problemen bekannt gemacht und praktische Zusammenarbeit vereinbart. Ein Mitarbeiter des Instituts, Dr. Kinzel, erst vor kurzem aus Russland übergesiedelt, hat uns die dazugehörige Klinik gezeigt. Hier erhielten wir Medikamente für unsere Patienten. Erfreulich war auch das Treffen mit unserem Landsmann Dr. Jakob Rivkin. Zusammen mit einem herzlichen Gruß an alle, die sich seiner erinnern, übergab uns Jakob auch eine große Menge Medizin.

 

Besonders wichtig waren uns die Treffen mit Freunden: mit Paul Zeller, Michael Volkmann und all denen, die unseren gegenseitigen Beziehungen so viel Herzenswärme geben. Es ist ein sonderbares Gefühl: man verlässt sein Haus, fährt tausende von Kilometern und kommt an: zu Hause! Wir versanken in einer Atmosphäre von Herzlichkeit, gegenseitigem Verstehen und Liebe. Offene Gespräche, das Streben, unsere Probleme zu begreifen, der sehnliche Wunsch zu helfen - all das hinterlässt einen unauslöschlichen Eindruck. Es ist nicht nur Gastfreundschaft. Es geht viel tiefer. Wir durften uns davon oft überzeugen.

 

In dem kleinen Städtchen Jebenhausen, unweit von Tübingen, gibt es ein jüdisches Museum, das sich in einer ehemaligen Kirche befindet. Sein Gründer, Pfarrer Kuppler, lehrt in einer deutschen Schule (!) jüdische Geschichte und Tradition. Er selbst hat ein Modell einer Synagoge geschaffen, um den Kindern den Ablauf des Gottesdienstes auch anhand der dazugehörigen Kultgegenstände vor Augen zu führen. Herr Kuppler erläuterte uns die Geschichte und die Tradition der Juden in diesem Städtchen und erzählte von ihrem Beitrag zu seiner Entwicklung. Nein, er erzählte nicht - es war ein Lied!

 

Wie Weinen erklang das Schofar im Raum.

 

Weine - und die befreite Schwere der Angst schwindet.

Zwei Schmetterlinge halten des Himmels Gewölbe über dir

und deine Tränen schwinden:

die Angst verschwand im Glanz des Lichtes.

Nelly Sachs (deutsch-jüdische Dichterin 1891-1970)

 

Die Tübinger Zeitung veröffentlichte das Interview mit uns und brachte auch das Bild des Projekts einer Synagoge für Petrosawodsk (Diplomarbeit von Roman Schneidermann, ein wunderbares Geschenk für unsere Gemeinde), mit Angabe der Kontonummer, falls man für den Synagogenbau spenden möchte. Michael Volkmann übergab uns das Geld, das für uns gesammelt wurde.

 

In Tübingen besuchten wir den Synagogenplatz. Dort stand die Synagoge, die in der „Kristallnacht“ vernichtet wurde. In diesem Jahr soll hier aus Spenden Tübinger Bürger ein Denkmal errichtet werden. Der Taxifahrer, der uns zum Bahnhof brachte, wollte kein Geld. Er wollte uns ein Geschenk damit machen.

 

Kaum zu Hause angekommen, sahen wir auf den Straßen ... Faschisten ! (Nein, ich habe mich nicht geirrt).

 

Außerordentlich wichtig war uns während unseres Besuches das gemeinsame Seminar mit der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. Michael Volkmann hat wertvolle Erläuterungen gegeben zum Gebet Sch'ma Jisrael. Er analysierte die Bedeutung des Gebetes und die klassischen jüdischen Kommentare. Mein Thema „Der bittere Rauch des Holocaust“ löste eine tiefgehende Diskussion aus.

 

Hier möchte ich unserer Dolmetscherin Swetlana Winogradowa meine Hochachtung aussprechen. Trotz des schwierigen Stoffes übersetzte sie schnell und präzise. Ihr ist es zu verdanken, dass das entfachte Feuer nicht gelöscht wurde.

 

Beim Abendessen im warmen, gastfreundlichen Haus von Agnes und Paul Zeller toasteten wir auf alles Schöne. Danach nahm Pfarrer Michael Volkmann seine Klarinette zur Hand, ich - der Vorstand der jüdischen religiösen Gemeinde - setzte mich ans Klavier. Es erklang Musik von Schubert, Mozart, Mendelssohn, Bach, Rubinstein und füllte die Herzen mit etwas Unbeschreiblichem. Mir kam der Gedanke: das ist ein Modell für die Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen. Die Klarinette sollte spielen wie eine Klarinette, das Klavier wie ein Klavier, zusammen bilden wir ein Duett. Wenn sich noch andere dazugesellen, entsteht ein symphonisches Orchester mit seinen unbegrenzten Möglichkeiten.

 

Also, der Besuch ist vorbei. Worin liegt seine Bedeutung? Ich glaube, sie liegt einfach darin, dass man die Verständigung zwischen den Menschen am ehesten erreichen kann Auge in Auge, Mund zu Mund, Herz zu Herz! Menschen, die die Wärme eines anderen Menschen erfahren haben, können durch keine Politik aufeinander gehetzt werden.

 

Und noch eines. Es ist unmöglich, mit Hilfssendungen die Krankheiten Russlands zu heilen. Hier ist ein Aufklärungs-, Bildungs- und Erziehungslangzeitprogramm nötig. Schließlich: ein sattes Tier bleibt ein Tier. Es ist nötig aus der Vergangenheit zu lernen. „Wer ist klug? Der von jedem lernt.“ Diese Weisheit stammt aus dem Traktat Awot (der Mischna). Versuchen wir sie uns zu eigen zu machen.