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Der bittere Rauch des Holocaust


Dimitrij Zwiebel

Übersetzung: Julita Huf

 

Meinen deutschen Freunden

Dankwart-Paul Zeller

Michael Volkmann

in Liebe

Tübingen, 13. Juli 1999

 

Das Blut, am Kreuz für die Erlösung der Menschheit vergossen, ist jüdisches Blut.

(Leon Blois, französischer katholischer Schriftsteller)

Antisemitismus ist der Sozialismus der dummen Kerls.

(August Bebel, Begründer der SPD)

 

Es ist sehr schwer, über den Holocaust zu reden, weil dieses Faktum im Bewusstsein nicht einzuordnen ist. Es ist unbegreiflich, dass es sich erst unlängst, im aufgeklärten Europa, ereignet hat. Noch leben die Zeugen. Noch sind die Gräben nicht zugewachsen, noch verbergen sich irgendwo die ehemaligen Henker. Wie konnte das passieren? Warum haben sich so viele Menschen daran beteiligt? Auf welche Weise wurde der Grund für diesen Vorgang im menschlichen Bewusstsein gelegt? Warum haben die Regierungen vieler Länder, obwohl sie davon wussten, nichts dagegen unternommen oder zumindest diese Vorgänge verurteilt? Fragen über Fragen, es gibt so viele Fragen. Jetzt, wo es Dank Glasnost Zugang zu Dokumenten über jene Zeit gibt, gibt es noch mehr Fragen. Und Antworten?

 

Der englischer Staatsmann Herbert Samuel sagte: „Keine Folge kann Folge nur einer Ursache sein.“ Wir müssen erkennen, dass es bis jetzt keine vernünftigen Antworten zu den Ursachen, die diesen ungeheuerlichen Vorgang ermöglicht haben, gibt. Ein Mitglied unserer religiösen Gemeinde, Dr. Salman Kaufmann, der nach dem Krieg in einem russischen Lager inhaftiert war und zusammen mit einem deutschen Kriegsgefangenen, mit dem er sich sozusagen befreundete, in einer Baracke lebte, erzählte folgende Begebenheit: Beide waren sie bei Waldarbeiten eingesetzt. Eines Tages, während eines Streites zwischen S. Kaufmann und dem Aufseher, schlug dieser ihn nieder und holte mit der Axt aus, um ihn zu töten. Da stürzte sich der Deutsche auf den Aufseher und verhinderte so den Mord, sein eigenes Leben riskierend. Später fragte Kaufmann den Deutschen: „Wir sitzen unsere Frist ab, man entlässt uns, du fährst nach Deutschland. Es könnte sein, dass wir uns wieder treffen. Wie wirst du dich mir gegenüber verhalten?“ Dieser dachte nach und sagte: „Siehst du diese Kiefer? Ich werde dich dort aufhängen. Juden sollten nicht leben!“ Im Augenblick der drohenden Gefahr, als es keine Zeit zum Nachdenken gab, entsprach die Handlungsweise des Deutschen dem in ihm durch Gott angelegten Instinkt, das Leben zu schützen, das Leben an und für sich, auch wenn es ein fremdes Leben ist. (Es heißt: Wer ein Leben schützt, schützt die ganze Welt.) Die Antwort des Deutschen, die Frucht seiner Erkenntnis, ist das Böse, das sich in ihm aufgestaut hat als Resultat gegen die Auflehnung gegen den Willen Gottes. Das war das Resultat seiner Erziehung, seiner Lebenserfahrung, der Wirkung seiner Umgebung, der Zeit und der Ideologie, unter deren Einfluss er sich befand. Andererseits, zur gleichen Zeit existierten auch andere Einflüsse, andere Ideologien, andere Theorien. Warum hat er für sich ausgerechnet diese gewählt obwohl die Natur seine natürlichen Instinkte bewahrt hatte? Was müssen wir tun, damit unser Bewusstsein nicht in Widerspruch tritt zu der uns von unserer Geburt an eingegebenen Gottesanwesenheit? Das ist eine allgemein menschliche Frage, unabhängig vom Glauben.

 

Als der Allerhöchste den Menschen erschuf, überließ er ihm die Wahl - und von dieser Wahl hängt es ab, wie sein Leben aussieht -, welchen Einfluss er auf das Leben anderer Menschen haben und welche Spuren er hinterlassen würde. Nach den Erkenntnissen des Judentums ist der Mensch geschaffen um die Welt zu vervollkommnen. Aber wie und wer bestimmt, was die Welt verbessert und was nicht? Kein Verbrecher würde behaupten, dass er die Welt verschlechtern will - alle glauben, dass sie sie verbessern, und so geschehen viele Verbrechen. Die Tatsache, dass der Mensch das Bedürfnis hat, sein Handeln vor anderen zu rechtfertigen, spricht für den göttlichen Kern in ihm. Das allerhöchste Gericht ist das Gericht Gottes, und deswegen sollte man sein Leben so gestalten, dass man vor ihm besteht.

 

Vom Standpunkt des Judentums ist im Hinblick auf den Holocaust die Frage, wer schuld ist, nicht so schmerzlich wie die Frage, wie konnte Er, der Allerhöchste, es zulassen. Alle Versuche, den Holocaust als Strafe für den Abfall von Gott, für das Nichteinhalten seiner Gebote, für Assimilation usw. zu deuten, scheitern, wenn man bedenkt, dass z. B. in Amerika alle diese Prozesse in viel stärkerem Maße stattgefunden haben. Warum traf dann die Strafe nicht die Amerikaner? Warum wurden die vernichtet, die an Orten lebten, an denen sich der Kern des jüdischen Lebens mit seiner Treue zur Tora konzentrierte, durch Jahrhunderte durch die Tradition geheiligt, mit dem Bestreben, sich von äußeren Einflüssen abzugrenzen? Ganz und gar unbegreiflich ist der Tod der Kinder. Es gibt die Ansicht, dass der Holocaust für die Juden eine Prüfung wie die des Hiob war, der allen schrecklichen Heimsuchungen zum Trotz an seinem Gottesglauben festhielt. Doch dieser Vergleich stimmt nicht ganz. In den Flammen des Holocaust starben nicht nur die mit „Schma Jisrael“ auf den Lippen, sondern auch solche, die Christen geworden waren, Ungläubige, Diebe. Im Unterschied zu Hiob starben sie, d. h. das konnte für sie keine Prüfung mehr sein. Anzunehmen dass alle diese Opfer eine Glaubensprüfung für die Überlebenden waren, -: es ist schrecklich, daran zu denken. Es gibt einen Begriff vom „verborgenen Antlitz des Allerhöchsten“ - als ob Gott die Menschen verließe und sich selbst überlasse. Dieses Sich Entfernen Gottes ist aber nur scheinbar. Tatsächlich vergisst der Mensch seine Verbindung mit dem Allerhöchsten. Um diese Verbindung aufrecht zu erhalten, ist eine Anstrengung nötig. Der Vorhang, der die Menschen von Gott trennt, muss niedergerissen werden.

 

Hier gibt es eine Assoziation zu den Vorgängen, die im Buch Ester beschrieben werden, im einzigen Buch des Tanach (Bibel), wo es keine Erwähnung des Namens des Allerhöchsten gibt. Damals beschloss man zum ersten Mal in der jüdischen Geschichte, die Juden zu vernichten, und zwar nur deswegen, weil sie Juden waren. Doch dem Plan war kein Erfolg beschieden, und die Verbrecher wurden bestraft. In dem Buch wird über die Hinrichtung des heimtückischen Haman und seiner zehn Söhne berichtet. Sie hatten vor, das Volk Israel zu vernichten. Der Feiertag zur Erinnerung an die Errettung der Juden vor dem Untergang heißt Purim, vom Wort Pur, was Los bedeutet. Man warf das Los, um das Datum der Vernichtung der Juden festzulegen. Es ist, als ob der Holocaust eine Wiederholung dieser Geschichte wäre, nur mit einem viel schmerzlicheren Verlauf. Hier gibt es eine Verbindung zur Bestrafung der wichtigsten Nazi-Verbrecher. Einer von ihnen, Julius Streicher, Herausgeber des „Stürmer“, verstand die Geschichte und schrie vor seiner Hinrichtung: „Purimfest! Purimfest!“ Es schien, als ob die Gerechtigkeit triumphierte, die Verbrecher wurden bestraft, aber ... Weiter ist dazu nichts zu sagen. Zu unverhältnismäßig sind Verbrechen und Vergeltung.

 

Sehr oft tauchte die Frage des Glaubens an Gott nach dem Holocaust auf. Wie bringt man Gottes Liebe in Übereinstimmung mit dem, was geschehen ist? Warum hat Er, dessen Name gepriesen wird, sich nicht eingemischt und das Blutbad verhindert? Warum sind Menschen dessen fähig? Wie kann man danach weiterleben? Das sind sehr schmerzliche Fragen, auf die es bisher keine befriedigenden Antworten gibt. Vielleicht werden sie nie gefunden. In der Tat, es gibt Gebote Gottes, die nicht ohne Weiteres begriffen werden können, und dennoch müssen sie erfüllt werden. Solche Gebote heißen Chukkim, und sie enden mit der Formulierung „Ich - der Herr“. Vielleicht gehört der Holocaust auch in diesen Bereich? Oder ist er doch etwas ganz Anderes? Bis jetzt können wir das Faktum des Holocaust nur konstatieren und versuchen, Ähnliches in zwischenmenschlichen Beziehungen zu verhindern. Das Judentum zeigt die Geschichte als die Geschichte des jüdischen Volkes unter der Führung des Allerhöchsten. Sicher, man kann sagen, dass Gott sich doch eingemischt und die blutige Tragödie beendet hat. Er ließ den Staat Israel entstehen, der Garant dafür ist, dass sich Ähnliches nicht wiederholt. Die Juden haben jetzt die Wahl: im von Gott verheißenen Land zu leben oder dort zu bleiben, wo sie sind. (Hier muss man anmerken, dass ultra-orthodoxe Juden den Staat Israel nicht anerkennen. Sie glauben, dass der Messias die Juden zusammenführen wird.) Doch auch die Gründung des Staates Israel hat das Problem des Antisemitismus nicht gelöst. Sie hat ihn in gewissem Sinne sogar gefördert. Schon gar nicht kann sie als Rechtfertigung des Holocaust gesehen werden.

Ich meine, dass auch das Christentum Verantwortung für die Nichtverhinderung des Antisemitismus trägt. Antijüdische christliche Lehre, die die Juden des Mordes an Jesus beschuldigt, blutige Verleumdungen und die ganze Polemik im Laufe der Jahrhunderte, wobei die Juden keine Möglichkeit einer Antwort hatten, lassen bei einfachen Menschen ein negatives Bild von Juden entstehen. Eben ein Bild. Und das Bild ist lebensfähiger als die Wirklichkeit. Die Bilder von Romeo und Julia, von Tristan und Isolde, dem Figaro u.ä. haben sich in unserem Bewusstsein verwurzelt, sind realistischer geworden als viele wirklich existierende Personen.

Mir passierte folgendes: Während der Arbeiten zur Wiederherstellung des jüdischen Friedhofs in Petrosawodsk habe ich einen jungen, intelligenten Mann kennen gelernt. Er war bei der Stadtverwaltung für den Stadtaufbau tätig. Es war angenehm, sich mit ihm zu unterhalten. Wir haben das Projekt beurteilt, besprachen Details, haben die Grenzen des Friedhofs markiert, er gab professionelle Ratschläge. Als man aber die letzte Variante in offizielle Amtspapiere eintragen sollte, fragte er: „Wie werden wir dieses Projekt nennen?“ Ich war verwundert und sagte: „Na, wie? Alter jüdischer Friedhof.“ Er wurde verlegen, entschuldigte sich lange, erläuterte, dass er ein sehr gutes Verhältnis zu den Juden hätte, dass es in seinem Freundeskreis viele Juden gäbe, dass seine besten Lehrer an der Hochschule Juden gewesen wären, sie gute Ärzte seien usw., doch das Wort Jude hätte für ihn einen negativen Klang, es wecke Assoziationen mit etwas Schlechtem.

Woher kommt bei diesem jungen Menschen, dem die Juden außer Gutem nichts getan haben, so ein Verhältnis zum Wort Jude? Das ist nachdenkenswert. Es bedeutet, dass die Atmosphäre, in der sich seine Persönlichkeit entwickelt hat, dass die Literatur, die er las, dass die Gemeinschaft, in der er lebte, dieses Gefühl begründeten. Es gibt so bekannte Aussprüche wie: „Du bist ein netter Mensch, obwohl Jude.“ - „Nein, du ähnelst überhaupt keinem Juden - du bist gut.“

Wieder Fragen. (In der jüdischen Tradition ist eine gute Frage zu stellen wichtiger als sie zu beantworten.) Das Christentum sollte nicht zulassen, dass sich in den Köpfen der Menschen Hass und speziell Judenhass einnistet. Hier gibt es tatsächlich einen theologischen Konflikt. Ob man Jesus für einen Messias hält oder nicht, - jedenfalls hat er eine Trennung zwischen Juden und Christen bewirkt. Dass Jesus ein Jude war (was längst nicht alle Christen wissen und was bei Erwähnung die Orthodoxen einfach erschüttert), vertieft das Problem nur. Es könnte sein, dass irgendwo im Unterbewusstsein der Antisemiten, die sich für Christen halten, der Gedanke existiert: Wenn euer Mitbruder ein Christ wurde, warum seid ihr so hartnäckig? Daher auch das gewalttätige Taufen der Juden mit dem Ruf: „Entweder taufen oder ertränken!“ Und das im Namen von Christus, einem Juden!

Mir fällt eine Äußerung ein, die dem dänischen Hebraisten des 18. Jahrhunderts, William Saremes, zugeschrieben wird: „Der, der ein wahrhaftiger Christ sein will, sollte zuerst ein guter Jude werden.“ Ich füge - in gewissem Sinne als Scherz - hinzu: Nachdem du ein guter Jude geworden bist, ist es besser, dabei zu bleiben.

Die christliche Bibel besteht aus zwei Teilen, dem Alten und dem Neuen Testament. Ich weiß nicht, wie das auf deutsch klingt, aber im Russischen hat der Begriff „Altes“ einen Beigeschmack von Hinfälligkeit, Altersschwäche und Gebrechlichkeit - im Unterschied zu dem Begriff „Neues“, also jung. Hierbei kommt die Sichtweise auf die Bibel zum Ausdruck. Bei jedem, der die Bibel aufschlägt, entsteht der Eindruck vom „Alten“ und „Neuen“, was natürlich auch auf diejenigen übertragen wird, die das Neue Testament nicht anerkennen, also die Juden. So entsteht das Bild von den rückständigen Juden, die sich an das Alte und Überlebte klammern. (Interessant, dass auch der Marxismus behauptete, er sei die fortschrittliche Lehre im Unterschied zum Kapitalismus, der hinfällig würde und im Untergang begriffen sei: der Sieg des Kommunismus sei unausweichlich.) Weiter kann ich daraus folgern, dass das Lesen des Alten Testaments zwecklos ist. Viele, die sich für Christen halten, tun es auch nicht. Das betrifft Sie natürlich nicht.

Es könnte sein, das hier die Abscheu gegen Juden ihren Ursprung hat. Ich meine, dass es der Christen Schuldigkeit wäre, in sich diese Ansicht zu überwinden und zu verstehen zu versuchen, warum Juden Juden geblieben sind. Sie sollten begreifen, dass das Testament, das zwischen dem Allmächtigen und den Juden geschlossen wurde, ein ewiges ist, es gibt kein „neues“. Ein Jude, der dieses Testament ablehnt, hört eigentlich auf Jude zu sein.

In Goethes „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ gibt es einen Satz: „Israel, die hartnäckigste Nation der Welt: sie preist, hat gepriesen und wird preisen Jehovas Namen in Ewigkeit.“ Es ist unnötig, dem etwas hinzuzufügen.

Ich nehme an, dass Gott, hätte er alle Menschen gleich erschaffen wollen, es auch getan hätte. Die Menschheit würde dann monochrom aussehen, wie auf einer Schwarzweißfotografie. Die Menschheit ist aber ein buntes Mosaik, durch den Atem des Allerhöchsten geschaffen, in dem für jedes Geschöpf Platz ist. Natürlich kann man dieses Mosaikbild beschädigen, indem man ein Stück daraus entfernt. Der Gesamteindruck ändert sich. Nicht umsonst unternimmt man zurzeit viele Anstrengungen, die aussterbenden Tier- und Pflanzenarten zu erhalten und die Flüsse und Seen zu schützen. Endlich beginnt die Menschheit, die Vollkommenheit dieser Welt, die Vollkommenheit Seiner Schöpfung zu begreifen.

Weil ich mit Ihnen als mit Fremden rede, erlauben Sie mir, diese Streitfrage anzusprechen. Mir scheint es, die Christen sind davon überzeugt, dass die Rettung nur durch den Glauben an Christus möglich ist. Deswegen versuchen sie auch diejenigen zu Christen zu machen, die es gar nicht wollen. Ich nehme an, dass das aus guten Beweggründen geschieht. Doch man sollte Keinen mit Gewalt zu seinem Glück zwingen. Das ist sicher nicht die beste Methode die Welt zu verbessern.

Das Judentum ist der Ansicht, dass die Gerechten anderer Religionen ebenfalls Gottes Willen tun. Dafür braucht man nicht unbedingt Jude zu sein. Wenn jemand zum jüdischen Glauben übertreten will, erklärt man ihm, dass es besser ist ein gerechter Nichtjude zu sein und die sieben noachidischen Gebote für die Völker der Welt zu erfüllen, als als Jude eines der 613 Gebote für die Juden nicht zu befolgen.

Hier erlaube ich mir, einige Worte über das Verhältnis der Juden zu Jesus anzufügen. Nach den Zeugnissen zu urteilen, war Jesus ein jüdischer Prediger, wie es zur damaligen Zeit viele gab. Das war durch die Tradition der mündlichen Auslegung der Tora bedingt. Am Sinai haben die Juden nicht nur die schriftliche Tora erhalten, sondern auch die mündliche, die man nicht aufschreiben durfte. Die mündliche Tora ergänzt und interpretiert die schriftliche und erläutert unklare Stellen. Man lernte sie auswendig und so wurde sie von einer Generation zur nächsten überliefert. Es scheint, dass solch eine lebendige Weitergabe genauer war als die schriftliche, da der Lehrer sich überzeugen konnte, ob der Schüler die ausgelegte Stelle richtig begriff. Erst dann ging er weiter.

Nach der Zerstörung des Zweiten Tempels im Jahr 70 und nach der Vertreibung der Juden aus ihrem Land wurde die mündliche Tora aufgeschrieben. Sie bildete die Mischna, den Kern des Talmuds. Den Textauslegungen konnte der Lehrer zum besseren Verständnis eigene Interpretationen hinzufügen. Im Talmud sind Meinungen vieler Weisen und Schulen festgehalten, manchmal auch widersprechende. So ein Lehrer war nach den Schilderungen auch Jesus. Man konnte ihn für eine Propheten halten, weil er vieles nicht im eigenen Namen, sondern im Namen Gottes sagte. Offensichtlich war er ein Pharisäer, was bedeutet, dass er Unreinheit mied. Die frühe Ikonografie, etwa bis zum 4. Jahrhundert, hat Jesus mit Tefillin dargestellt - mit Gebetsriemen und einem Kästchen mit Toraabschnitten. Dieses Kästchen wird während des Gebets am Kopf befestigt. So sind auch die Worte aus seiner Bergpredigt verständlich: „Denkt nicht, dass ich gekommen bin, das Gesetz (Tora) und die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. Denn ich sagen euch ...“ (Mt. 5,17-18).

Rabbiner Adin Steinsalz schrieb: „Man kann sagen, dass, wenn Jesus auferstehen würde, er sich eher in eine Synagoge begeben würde als in eine christliche Kirche, die er für einen heidnischen Tempel halten würde.“

Alles, was sich danach ereignete, ist ein anderes Thema. Mir scheint es, dass der amerikanische Priester Charles Prospero Fanjani (1854-1940) in seiner Arbeit „Christ und Jude“ das Verhältnis der Juden zu Jesus genau umschrieb: „Der Jude glaubt an die Religion von Jesus, aber er ist nicht imstande an die Religion über Jesus zu glauben.“ Oder was Heinrich Heine mit der ihm eigenen Ironie sagt: „Christus anhängen - das ist eine sehr schwierige Aufgabe für einen Juden. Kann er denn irgendwann an die Göttlichkeit eines anderen Juden glauben?“

 

Ein besonderes Kapitel ist das Verhältnis der Orthodoxen Kirche zu den Juden. Diese Beziehungen zeichneten sich schon immer durch Unduldsamkeit aus. Es ist für mich schwer zu sagen, wodurch sie hervorgerufen wurde. Gegenwärtig macht sich die russische Variante des Faschismus breit. Antisemitische Literatur, öffentliche Auftritte, all das wiederholt den schon praktizierten Gang der Nazis. Gesetze, die dem entgegenwirken, gibt es nicht. Überhaupt: in Russland gibt es ein besonderes Verhältnis zu Gesetzen, das im folgenden Sprichwort zum Ausdruck kommt: „Das Gesetz ist eine Deichsel - man dreht daran und es stimmt.“ Eine bekannte Phrase aus dem letzten Jahrhundert lautet: „Die Dummheit der russischen Gesetze wird durch ihre Unerfüllbarkeit kompensiert.“

Auf diesem Hintergrund spielen die Massenmedien eine besondere Rolle als das, was das menschliche Bewusstsein formt, den Boden, auf dem die Saat aufgeht oder nicht. Man muss sagen, dass Radio, Presse, Fernsehen sich in dieser Situation würdig verhalten haben.

Schlimmer sieht es mit der Orthodoxen Kirche aus. Die russischen Nazis zeigen sich immer als echte Orthodoxe und ihre antisemitische Demagogie ist in hohem Maße damit verbunden. Ein Beispiel: Der Leiter der Partei RNE - Russische Nationale Vereinigung -, Barkaschow, hat in Petrosawodsk den Rang eines Diakons. Die russische Kirche ist niemals dagegen aufgetreten. Es gibt antisemitische Predigten in den Kirchen. Viele Veröffentlichungen der Repräsentanten des russischen Klerus in den Medien „riechen“ manchmal nach verdecktem und öfter auch nach offenem Antisemitismus. Man argumentiert unkompliziert: „weltweite Verschwörung gegen das orthodoxe Russland“, „die Zionisten ergreifen die Macht“, „das weltweite Böse rüstet sich gegen das heilige Russland“. Es werden wieder ernstlich „Die Protokolle der Weisen von Zion“ und ähnlicher Unsinn zitiert. Man könnte darüber lachen, wenn man nicht wüsste, wohin das führen kann.

Der russische Philosoph Wladimir Solowjew schrieb 1890: „Das Wecken der Stammesfeindschaft und der religiösen Feindschaft, die dem Geist des Christentums widerspricht, untergräbt die Gefühle der Gerechtigkeit und Menschenliebe, verdirbt im Kern die Gesellschaft und kann zu charakterlicher Verwilderung führen, insbesondere beim Verfall humaner Ideen und bei Schwäche der juristischen Grundsätze unseres Zusammenlebens. Schon aus dem Gefühl des nationalen Selbstschutzes sollte man die antisemitische Bewegung nicht nur als ein existentielles Unwesen, sondern als höchst gefährlich für Russlands Zukunft verurteilen.“ Wie zeitgemäß das doch klingt!

Es geht nicht nur um den Antisemitismus der russischen Orthodoxie. Gegenwärtig strebt das Moskauer Patriarchat, 1943 durch Stalin gebildet, zur Macht. General Wladimir Schatochin aus der Generalstabsakademie sagt 1996: „Das Volk ist durch einen falschen Pazifismus (!) verdorben und hat noch nicht gelernt unsere gesegneten orthodoxen Waffen zu lieben.“ Der Priester Gleb Yakunin, Vorsitzender des Allgemeinen Komitees zur Verteidigung der Gewissensfreiheit, schreibt erschüttert: „Zum Höhepunkt der Lästerung wurde die Idee, dass - da in Arsamas-16 Raketen produziert wurden - der vor einem Jahrhundert an diesem Ort lebende Heilige Serafim Sorowski nun als Schutzpatron der Massenvernichtungswaffen anzusehen sei. Noch schlimmer: in vielen Auftritten wurden diese Raketen "unsere Schutzengel' genannt.“

Die Explosionen an den Synagogen in Moskau und Jekaterinenburg, die Bombe im jüdischen Theater „Schalom“, die Ermordung eines dreizehnjährigen jüdischen Mädchens in Borowitschi - worauf warten wir noch? Ich denke, dass auch der Brand im Büro der „West-Ost-Gesellschaft“ in Petrosawodsk in diese Reihe passt.

Warum ist die Regierung dem gegenüber so machtlos? Ist sie etwa (zu sehr) mit anderen Dingen beschäftigt oder kommt ihr das vielleicht gelegen? Warum schweigt die russische Orthodoxe Kirche, die alles angeblich nicht bemerkt, wobei sie doch bestrebt ist die geistige Führung des Volkes zu übernehmen? Wieder Fragen...

Und doch ist nicht alles schlecht auf dieser Welt. Ihre Gemeinde hat einen Akt vollbracht, für den es kein Beispiel gibt. Sie, Christen, haben im fernen Petrosawodsk tatsächlich eine jüdische Gemeinde gegründet. Sie haben das nicht getan um dann zu versuchen die Juden zum Christentum zu bekehren, sondern damit die Juden wieder Juden werden! Diese Tatsache - noch nicht richtig beurteilt sowohl von den Christen wie auch von den Juden - kann den Beginn einer Revision aller Beziehungen zwischen den verschiedenen Religionen bedeuten. Sie haben den Weg gezeigt, auf dem man gehen soll und muss, alle Vorurteile abwerfend, die sich im Laufe der Jahrhunderte angehäuft haben.

Es gibt doch nirgends - weder bei den Christen verschiedenster Ausrichtungen, noch bei den Juden - ein Verbot der Großherzigkeit, der Achtung anderer Ansichten und Schaffung von Gutem.

Wir leben auf der einen Erde. Alle sind wir geschaffen zum Ebenbild Gottes. Die meisten Probleme, die uns begegnen, sind allgemeiner Natur, was doch heißt, es ist einfacher sie gemeinsam zu lösen! Vielmehr, viele Probleme würde es gar nicht geben, wenn wir zusammenwirkten.

Im Psalm hören wir:

„Wer möchte gern gut leben

und schöne Tage sehen?

Behüte deine Zunge vor Bösem

und deine Lippen, dass sie nicht Trug reden.

Lass ab vom Bösen und tu Gutes;

suche Frieden und jage ihm nach!“

(Ps. 34,13-15)

Der französische Philosoph A. Bergson (1895-1941) sagte: „Wir existieren, wenn wir handeln.“

Hören wir auf diese Worte.

 

Petrosawodsk 17.6.1999 / Tübingen 13.7.1999 Dimitrij Tsvibel