evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Zur Geschichte der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk

(Zusammenfassung eines Zeitungsartikels von David Sendeljew und Dimitrij Tsvibel, Übersetzung: Julita Huf)

Von den 537.000 Juden Russlands (Stand: 1989) leben 175.000 in Moskau und 106.000 in St. Petersburg. In Karelien leben 1.200 Juden.

Erstmals erwähnt wurden Juden in den Petrosawodsker „Nachrichten über Andersgläubige“ 1844, und zwar 14 Personen. Acht Jahre später waren es acht mehr, doch bereits 1856 war ihre Zahl auf 237 angestiegen - 214 Soldaten und 23 Ehefrauen. Das Verhältnis zu ihnen war tolerant. In der Kaserne wurde ein jüdischer Gebetsraum eingerichtet. Ein Friedhof wurde angelegt.

Ein Gesetz ermöglichte es ehemaligen Soldaten in Petrosawodsk zu bleiben. So entstand in der Stadt von etwa 1870 an eine jüdische Diaspora. 1901 erhielten die Juden von Petrosawodsk die offizielle Anerkennung als Gemeinde mit Vorstand und Rabbiner. 1904 weihten sie ihr Synagoge ein, die in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahr abgebrannt ist. Auch bekannte Petrosawodsker christlich-orthodoxe Familien finanzierten den Synagogenbau mit. In der Synagoge existierte ein Heder (Elementarschule). Die Presse brachte von Zeit zu Zeit Berichte über das Leben der Juden, ihre Feiertage und ihre Probleme. Damals, um die Jahrhundertwende, lebten in der Stadt 51 jüdische Familien mit 254 Mitgliedern, hauptsächlich Handwerker. Lediglich sechs Personen waren Kaufleute.

Die jüdische Diaspora wurde zum festen Bestandteil der Petrosawodsker Einwohnerschaft. Ihr Leben unterschied sich praktisch nicht von dem der anderen Bürger, mit der Ausnahme, dass sie an ihren Traditionen fest hielten, ihre Feste feierten und ihre Sprache pflegten.

Während der Zeit des Sozialismus verschwand das jüdische Leben im Untergrund. Die Synagoge war Ende der zwanziger Jahre abgebrannt. Einige Familien trafen sich heimlich, um Feste zu feiern, Tora zu lernen und um sich gegenseitig auszutauschen. Ihnen ist es zu verdanken, dass das jüdische Leben in Karelien nicht untergegangen ist. Auch in dieser bedrängten Situation leisteten sie ihren selbstverständlichen Beitrag in der Gesellschaft und der Wirtschaft des Landes.

Die Wiedergeburt des jüdischen Lebens in Petrosawodsk begann während der Perestrojka 1991. Der Kulturverein „Schalom“ wurde offiziell registriert. Seine Aufgabe war es, die restlichen Zeugnisse jüdischer Kultur zu sammeln und die entwurzelten Menschen wieder an ihre Kultur heranzuführen. Nach allem, was war - Krieg, Schoa, Sozialismus - eine schwierige Aufgabe! Während der sozialistischen Zeit war Petrosawodsk für Juden ein relativ ruhiger Zufluchtsort. Viele, die in Moskau oder Leningrad (St.Petersburg) ihre Arbeit verloren hatten, konnten hier eine Bleibe finden. Doch zuerst musste nun die Angst überwunden werden, sich zu Judentum zu bekennen.

Ein erster wichtiger Schritt war die Gründung der Sonntagsschule. Sie ist ein sehr erfolgreiches Bildungszentrum für Kinder und Erwachsene. Der zweite wichtige Schritt war die Gründung der religiösen Gemeinde mit Hilfe von Christen aus der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in der Partnerstadt Tübingen. Vor drei Jahren wurde die Wohlfahrtsstiftung „Hesed Agamim“ gegründet. Sie leistet medizinische und finanzielle Hilfe, organisiert Hebräischkurse, vermittelt jüdische Tradition, organisiert Sabbatfeiern und Feiern an jüdischen Festtagen. Der Großteil der Arbeit des Hesed wird ehrenamtlich geleistet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können Kurse und Seminare besuchen und das Gelernte und die Wärme ihrer Herzen an die Hilfsbedürftigen weiter geben. Die Stiftung arbeitet mit anderen Wohltätigkeitsvereinen der Stadt in gegenseitiger Unterstützung zusammen.

Seit zwei Jahren werden die „Gemeinde-Nachrichten“ herausgegeben. Sie informieren über das Gemeindeleben und versuchen Interesse an den Wurzeln des Judentums zu wecken. Die Zeitung kommt in die Stadtbibliothek, die Nationalbibliothek der Republik Karelien und in die Jüdische Nationalbibliothek nach Jerusalem. Sie wird gelesen in Moskau, St. Petersburg, Murmansk, Archangelsk, Nowgorod, Samara, Helsinki, Berlin, Toronto, San Franzisko, Miami und - Tübingen.
Kommentieren