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Zum Besuch unserer Freunde aus der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk in Tübingen vom 30. Juni bis 7. Juli 2004


Ursprünglich hatten wir fünf Personen eingeladen, doch Dima Gendelev, derzeitiger Leiter der Wohlfahrtsabteilung „Chesed Agamim“, erhielt keinen Pass und konnte nicht mitkommen. So kamen Dimitri Tsvibel, Mitinitiator und „Seele“ unserer Beziehungen und Leiter der religiösen Gemeinde, der bisher jede Delegation anführte, Maria Itskovskaya, eine dreiundzwanzigjährige Pädagogikstudentin und Leiterin des Jugendclubs der Gemeinde, Semion Shahnik (75), ein Deutsch sprechendes Gemeindemitglied, und als Übersetzer Wladimir Ermakov.

Mit unseren Gästen erlebten wir ein abwechslungsreiches Programm. Am 1. Juli fand ein Empfang durch den Ersten Bürgermeister der Stadt, Gerd Weimer, statt. Der Bürgermeister würdigte unsere christlich-jüdischen Beziehungen als mit die beständigsten und persönlich tiefsten der Städtepartnerschaft. Tags darauf besuchten wir Vormittags Haigerloch. Herr Helmut Gabeli vom Gesprächskreis Ehemalige Synagoge Haigerloch e. V. führte uns durch das frühere jüdische Wohngebiet Haag, den Friedhof mit seinen hunderten von erhaltenen Grabsteinen und die Synagoge, die vor kurzem als Ausstellungs- und Begegnungszentrum eröffnet worden war. Die öffentliche Führung auf den Spuren der Juden von Hechingen durch Frau Johanna Werner am Nachmittag erfolgte im Rahmen des Programms der Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf. Frau Werner zeigte den etwa vierzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern Häuser bedeutender jüdischer Bürger Hechingens (wie Dr. Friedrich Wolf, Madame Kaulla) sowie die Alte Synagoge, in der seit einem guten Jahr wieder jüdische Gottesdienste gefeiert werden.

Am Abend feierten wir im Clubraum der Bonhoefferkirche Kabbalat Schabbat. In diesem Rahmen fand eine besondere Begegnung statt: vor zwei Jahren hatte die Tübinger Musikgruppe Klezmorim in einem Benefizkonzert über 2.000 € für die jüdische Gemeinde Petrosawodsk erspielt. Jetzt konnte Dimitri Tsvibel dem Bassisten der Gruppe, Florian Dohrmann, persönlich danken. Die Feier klang in vielen gemeinsam gesungenen hebräischen, jiddischen und deutschen Liedern aus.

Den Samstagvormittag verbrachten wir in der Synagoge der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart beim Gottesdienst mit Lesung des Tora-Wochenabschnitts Balak (4. Mose 19,1-25,9). Unsere Gäste wurden freundlichst begrüßt durch Landesrabbiner Netanel Wurmser, den ehemaligen Geschäftsführer der IRG Arno Fern und das Vorstandsmitglied Dr. Michael Fundaminski. Der öffentliche Studiennachmittag über die Bedeutung der Zehn Gebote im Judentum fand von 15 bis 17 Uhr mit vierundzwanzig Teilnehmerinnen und Teilnehmern im Dietrich-Bonhoeffer-Haus statt. Die Hauptvorträge hielten Dimitri Tsvibel und Michael Volkmann. An sie schlossen sich angeregte Diskussionsrunden an. Teilnehmer am Studiennachmittag äußerten sich sehr positiv zu dem Neuen, das sie über das Judentum und die Zehn Gebote gehört hatten.

Am Sonntag feierten wir Gottesdienst in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche mit einer Predigt von M. Volkmann über das Ölbaumgleichnis des Paulus in Römer 11,16b-24. Die Kantorei unter Leitung von Kantorin Elisabeth Fröschle sang Werke von Louis Lewandowsky und Felix Mendelssohn-Bartholdy. Unsere Gäste stellten sich der Gemeinde vor, übernahmen ein Grußwort sowie das Gebet aus Psalm 121 und den Text der Schriftlesung, Psalm 1, auf Russisch. Dimitri Tsvibel sprach am Ende den Segen auf Hebräisch. Nach dem Gottesdienst blieben noch vierzig Leute zur einstündigen Matinee mit Berichten aus der jüdischen Gemeinde. Maria Itskovskaya gab einen Bericht über die von ihr geleitete Jugendarbeit. Am Nachmittag nahmen wir an der Jahresversammlung des Denkendorfer Kreises für christlich-jüdische Begegnung e. V. teil. Zurück in Tübingen, besuchten wir am Abend ein Konzert für Cello, Klavier und Tenor mit Werken von Beethoven, Schubert, Schostakowitsch und anderen, das von den Künstlern Stephan Doormann (Tenor, Violoncello) und Bernd Krill (Piano) zu Ehren unserer Gäste in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche veranstaltet wurde.

Am 5. Juli ergab sich für unsere Gäste die Gelegenheit, eine Russisch-Klasse der Tübinger Waldorfschule zu besuchen, aus der einige Schülerinnen und Schüler bereits in Petrosawodsk gewesen waren. Am Dienstag machten wir einen Ausflug an den Bodensee, für den unsere Gäste vom Onega-See sich immer von neuem begeistern können. Am Abend feierten wir mit vielen Tischreden in einer Pizzeria in Waldhäuser Ost Abschied. Am Mittwoch reisten unsere Gäste ab. In ihrem Gepäck befanden sich auch medizinische Geräte und Medikamente im Wert von rund 360 €, die wir beim Deutschen Institut für Ärztliche Mission, Abt. Arzneimittelhilfe, erhalten hatten.

Der Besuch hat unsere Freundschaft sehr vertieft. Von Besuch zu Besuch wird die Atmosphäre herzlicher und verbindlicher. So gewinnen unsere Begegnungen eine immer breitere und tiefere Basis. Für das nächste Jahr planen wir wieder einen Gegenbesuch in Petrosawodsk.

Besonders beeindruckend war es zu hören, wie Dimitri Tsvibel immer wieder an das Geschenk der Torarolle vor acht Jahren erinnerte. Die damalige Begegnung mit Dankwart-Paul Zeller und das, was daraus folgte, die Tora, hat nach seinem eigenen Bekunden sein Leben so stark verändert wie nichts anderes. Die Tora gab den Ausschlag, dass er nicht auswanderte, sondern die ehrenamtliche Leitung der religiösen jüdischen Gemeinde übernahm, die nach seiner Pensionierung zu seiner Hauptbeschäftigung geworden ist.

Ein besonderer Dank gilt den aktiven Mitgliedern des AK „Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk“ für ihre intensive Mitarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung des Besuchsprogramms. Ein herzlicher Dank gilt auch allen Zuschussgebern und Spendern, die mit Ihrer Gabe die Realisierung des Besuchsprogramms ermöglicht haben: der Stiftung West-Östliche Begegnungen Berlin, der West-Ost-Gesellschaft Tübingen, der Universitätsstadt Tübingen Kulturamt, der Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ des Diakonischen Werkes, Tübinger Kirchengemeinden sowie dem Deutschen Institut für Ärztliche Mission Tübingen. Weitere Spender gaben Geld für die Arbeit der jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk, das wir unseren Gästen mitgeben konnten, darunter ein Zweck gebundener Betrag von 1.000 € von der Aktion „Hoffnung für Osteuropa“ des Diakonischen Werkes Württemberg.

Schließlich ist an die Mesusa zu erinnern, die Dimitri Tsvibel der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde als „Leihgabe“ dagelassen hat. In einigen Jahren soll sie nach Petrosawodsk zurückkehren – an die Tür der dort neu zu erbauenden Synagoge. Ein Grundstück ist vorhanden, der politische Rückenwind seitens der Stadtverwaltung ebenfalls. Die Juden Kareliens träumen von einem eigenen Gemeindezentrum, in dem alle Dienste unter einem Dach vereint sind. Ein Entwurf liegt vor, ein Architekt steht zur Verfügung. Die Tora soll ein Haus bekommen, allerdings wird die hauptsächliche Finanzierung aus jüdischen Hilfsfonds kommen müssen. Wir sind im Rahmen unserer Möglichkeiten zur finanziellen Mithilfe und zur geistlichen und moralischen Unterstützung des Projekts bereit.

Michel Volkmann