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Synagogenplatz Tübingen


Orts-Geschichte 1938-2000

Dieser Ort hat unter Vergessen gelitten. Dass hier sechsundfünfzig Jahre lang die Tübinger Synagoge stand, wurde häufig verdrängt. Die jüdischen Bürgerinnen und Bürger, die sie zu Gottesdienst und Gebet aufsuchten, sind verjagt und ermordet worden. Was bleibt und bleiben muss, ist die Erinnerung an die Geschichte der jüdischen Gemeinde und dieses Orts: Was ist hier nach der Zerstörung der Synagoge geschehen, was wurde verschwiegen und verdrängt, was wurde abgeräumt, was wann und womit überbaut?

Eingeebnet Begrünt Bebaut
In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war die Tübinger Synagoge in Brand gesteckt worden; damit begann ein neues Kapitel in der Geschichte dieses Orts. Was das Feuer nicht verzehrt hatte, ließ die Stadtverwaltung als Baumaterial versteigern. Der Erlös betrug sechsundachtzig Reichsmark. Der unbrauchbare Schutt wurde in das alte Neckarbett gekippt, der Platz vom städtischen Bauamt eingeebnet und von der Stadtgärtnerei begrünt. Nichts sollte mehr an die frühere Nutzung erinnern. Den abgeräumten Platz kaufte die Stadt im Dezember 1940 für 3.965 RM deutlich unter Wert.

1949 wurde dieser Kauf für nichtig erklärt und das bis dahin als Ziergarten bezeichnete Grundstück an die Israelitische Kultusgemeinde Württemberg in Stuttgart zurückgegeben. Da es in Tübingen keine jüdische Gemeinde mehr gab und die Stuttgarter Religionsgemeinschaft zur Integration der jüdischen Überlebenden dringend finanzielle Mittel benötigte, verkaufte sie das frühere Synagogengrundstück an einen Tübinger Privatmann. Dieser baute dort Anfang der fünfziger Jahre ein Eigenheim. Sollte dies der Schlusspunkt der jüdischen Geschichte dieses Orts gewesen sein?

Wider die Sprachlosigkeit
1958 erinnerte das Repetentenkollegium des Evangelischen Stifts die Tübinger an die Ereignisse zwanzig Jahre zuvor. In einem Brief an den damaligen Oberbürgermeister Hans Gmelin beklagte Seniorrepetent Hans Geißer die bisherige Sprachlosigkeit des Tübinger Erinnerns an die Juden. Der Oberbürgermeister vertrat jedoch die Auffassung, „dass es nicht Aufgabe einer Stadtverwaltung sei, bildende und erziehende Feierstunden für die Bevölkerung zu veranstalten“.

1959 beantragte die CDU-Fraktion im Gemeinderat, vor Ort eine Gedenktafel anzubringen. Der Grundstückseigentümer lehnte ab.

1963 wurde erstmals öffentlich der vor fünfundzwanzig Jahren erfolgten Zerstörung der Synagoge gedacht. Studenten und Professoren riefen in der Neuen Aula zu mehr Wachsamkeit gegenüber neu aufkommendem Faschismus auf.

Nach jahrelanger Vorarbeit erschien 1974 Lilli Zapfs Lebenswerk „Die Tübinger Juden“, das erstmals Leben und Schicksale jüdischer Bürgerinnen und Bürger dokumentierte.

Die Stadt ließ auf Anstoß der „Initiative 9. November - 40 Jahre "Reichskristallnacht'“ außerhalb des Synagogengrundstücks am so genannten Lützelbrunnen einen Gedenkstein anbringen, der am 9. November 1978 durch Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Folgender Text wurde am Brunnentrog eingemeißelt: „Hier stand die Synagoge der Tübinger jüdischen Gemeinde. Sie wurde in der Nacht vom 9./10. November 1938 wie viele andere in Deutschland niedergebrannt.“ Dass die Täter unerwähnt blieben und der Hinweis auf „viele andere in Deutschland“ als Verharmlosung verstanden werden konnte, stieß auf deutliche Kritik. Die Stadt reagierte mit der folgenden zweiten Inschrift: „Zum Gedenken an die Verfolgung und Ermordung jüdischer Mitbürger in den Jahren 1933 bis 1945.“

Als Folge des ersten offiziellen Besuchs ehemaliger Tübinger Juden 1981 wurde an der Stiftskirchenmauer am Holzmarkt eine Tafel angebracht. Sie trägt folgenden Text: „Universitätsstadt Tübingen. Zum Gedenken an unsere während der nationalsozialistischen Herrschaft vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger. Zur täglichen Mahnung für uns und als Verpflichtung, dem Rassenhass und der Unduldsamkeit zu wehren. 1933.1945.1983.“

Neuer Bebauungsplan
1985 reichte der Grundstückseigentümer ein Baugesuch ein, das den Abriss des vorhandenen Einfamilienhauses und die Errichtung eines größeren Wohn- und Geschäftsbaus samt Tiefgarage vorsah. Dazu hin sollte auf dem dahinter liegenden städtischen Hanggrundstück ein weiteres Wohnhaus erstellt werden. Der neue Bebauungsplan „Westlicher Österberg“, der auf dem ehemaligen Synagogengrundstück ein großes Baufenster eröffnete, wurde im Gemeinderat kontrovers diskutiert. So gab Kulturamtsleiter Dr. Wilfried Setzler zu bedenken, „ob nicht der Synagogenplatz von der Stadt gekauft werden könnte mit dem Ziel, ihn insgesamt zu einer Gedenkstätte an die einstige Judengemeinde umzugestalten. Der Brunnen wurde vor einigen Jahren ja nur deshalb zum Denkmal "ausgebaut', weil die Stadt keinen Zugriff auf das Grundstück selbst hatte.“

In einer Ansprache zum 50. Jahrestag der Reichspogromnacht sagte Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid am 9.11.1988 unter anderem, dass sich in die Worte „Wo waren die Nachbarn?“ auch heute noch die Frage nach der Mitschuld der Tübinger Bevölkerung fassen lasse.

1991 wurde der Bebauungsplan „Westlicher Österberg“ trotz der vorausgegangenen kontroversen Diskussion mehrheitlich endgültig beschlossen.

1994 beschloss der Gemeinderat die Umgestaltung des Straßenraums beim Lützelbrunnen östlich des Synagogengrundstücks und seine Umbenennung in „Synagogenplatz“.

Seit Anfang 1997 plante eine Immobilienfirma auf dem Grundstück einen Neubau mit zwölf Wohnungen und Tiefgarage. Arnold Marque, Sprecher der ehemaligen Tübinger Juden, schrieb 1998 in dieser Sache an den Oberbürgermeister: „Weniger erfreulich war die Nachricht über den geplanten Bau eines Mehrfamilienhauses an der Stätte der ehemaligen Synagoge. Sollte dies bewilligt werden, wäre dies für mich besonders schmerzhaft. War doch mein Vater der Seelsorger, Vorbeter und Lehrer der jüdischen Gemeinde für mehrere Jahre. Die Errichtung des Baus würde das letzte Überbleibsel der heiligen Stätte für immer aus dem Weg räumen.“

Steine Zeugen Unruhe
1998 war die „Projektgruppe Denkmal Synagogenplatz“ gegründet worden, der Mitglieder der schon früher entstandenen „Bürgerinitiative Synagogenplatz“, des „Arbeitskreises Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk“ der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche und der „Geschichtswerkstatt Tübingen e. V.“ angehörten. In Absprache mit der Stadt lobte die Projektgruppe einen Wettbewerb für ein künstlerisch gestaltetes Denkmal am Synagogenplatz aus.

Im Mai 1998 stieß die Projektgruppe an der Baugrube des geplanten Neubaus überraschend auf größere Fundamentreste der Synagoge einschließlich der Ecksteine der westlichen Synagogenmauer. Damit eröffnete sich die Möglichkeit, einen Gedenkplatz am authentischen Ort mit den gefundenen Fundamentsteinen und dem erhalten gebliebenen schmiedeeisernen Zaun auf der Westseite des Grundstücks einzurichten. Dies hätte eine östliche Verschiebung und Verkleinerung des genehmigten Neubaus bedingt. Dazu war der Bauträger nicht bereit. Als er ohne Genehmigung einen Teil der Steinzeugen entfernen ließ, eskalierte der Konflikt um den richtigen Ort des Gedenkens. Die restlichen Fundamentsteine wurden schließlich in der Tiefgarage des Neubaus konserviert und eingeschlossen.

Denkmal
Nebenan auf dem neugestalteten Synagogenplatz wurde dann der prämierte Wettbewerbsentwurf von Jörg Weinbrenner, Architekten Werkgemeinschaft Nürtingen, und dem Bildhauer Gert Riel aus Remshalden realisiert.

Ein Stahlkubus umschließt den aus dem früheren Lützelbrunnen entstandenen Gedenkbrunnen. Eine neue Schicht des Gedenkens legt sich um eine ältere, weist die Betrachtenden nicht nur auf das Verbrechen hin, sondern auch auf den heutigen Umgang mit der Erinnerung. Der Kubus als Symbol für die zerstörte Synagoge hat 101 Öffnungen, die der Anzahl der Namen der Vertriebenen und Ermordeten auf den Tafeln über der Wasserrinne entsprechen.

Dieses Denkmal ist kein Schlusspunkt. Die Macht der Erinnerung bringt immer wieder Vergessenes und Vergrabenes ans Licht - wenn keine Steine, dann Geschichten und Geschichte. Die Erinnerungen der Zeitzeugen sterben nicht mit ihnen. In veränderter Form wird ihr Wissen bewahrt und weitergegeben. Texte und Bilder, Stadtführungen und Geschichtspfade, wissenschaftliche, kulturelle und politische Aktivitäten übernehmen die Zeugenschaft und sorgen dafür, dass der Platz anders zu uns redet - aber verstummen wird er nicht.