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Redebeitrag der Projektgruppe
zur Einweihung des Denkmals Synagogenplatz am 9.11.2000


Dr. Michael Volkmann

Sehr geehrte Damen und Herren,

zur Einweihung des Denkmals Synagogenplatz heiße ich Sie herzlich willkommen. 56 Jahre lang stand hier die Synagoge der jüdischen Gemeinde Tübingen-Reutlingen. Es war die einzige jüdische Gemeinde dieser Stadt seit der endgültigen Vertreibung der mittelalterlichen Judenschaft. Diese erfolgte im Zusammenhang mit der Gründung der Universität 1477. Fast vier Jahrhunderte lang war die Ansiedlung von Juden in der Stadt untersagt. Wenn die Anwesenheit jüdischen Lebens ein Gradmesser für Freiheit ist, dann waren Zeiten der Freiheit in den vergangenen 500 Jahren die Ausnahme. Judenfeindschaft war die Regel in unserer Kultur, unserer Politik, unserer christlichen Religion. Religiös gesprochen ist Antisemitismus Feindschaft gegen Gottes Volk und ein Angriff auf Gott selbst. Säkular gesprochen ist Antisemitismus die Zerstörung der Humanität.

Heute hält  Baden-Württemberg einen alarmierenden Rekord unter den Bundesländern: Im Durchschnitt jeden zweiten Tag wird eine antisemitische Straftat registriert. Judenfeindschaft gehört zu unserem europäischen Erbe, und wenn wir sie nicht auf allen Gebieten aktiv bekämpfen, wird sie bleibend ein Teil von uns sein und unseren Glauben bzw. unsere Humanität angreifen und zerstören.

62 Jahre nach der Pogromnacht weihen wir dieses Denkmal ein. Es erinnert namentlich an 101 Tübinger Männer, Frauen und Kinder, die „von Nazis und ihren Helfern ausgegrenzt, gedemütigt, entrechtet, beraubt, vertrieben, ermordet“ wurden. Fast alle waren Juden, zwei der Vertriebenen waren christliche Ehepartner von Juden, einer der Ermordeten war Christ jüdischer Herkunft. Das Denkmal erinnert an die Zerstörung der jüdischen Gemeinde, die Verbrennung ihrer Synagoge, die Vernichtung ihrer heiligen biblischen Schriften, in denen durch Abraham und durch Israel allen Völkern Segen verheißen ist. Das Denkmal erinnert an das Verbrechen der Pogromnacht und an die vielen anderen Verbrechen, die ihr vorausgingen und folgten. Es erinnert daran, dass dies vor den Augen und Ohren der Bevölkerung geschah, dass viele durch ihre beruflichen Positionen oder aus eigenem Antrieb zu Mittätern wurden, dass die, die die Verbrechen missbilligten, nicht zu protestieren wagten, dass kaum jemand Juden half oder Widerstand leistete und dass die, die das doch taten, ihr Leben riskierten.

Das Denkmal erinnert uns an Verbrechen, die in ihren Ausmaßen auch dem, der sie über Jahre in ihren Einzelheiten erforscht, unfasslich bleiben. Symbol für diese Verbrechen ist der Name geworden, der auf der Tafel der Deportierten immer wieder erscheint: Auschwitz. Das Denkmal erinnert daran, dass der Name Tübingens seitdem in Beziehung steht zu den Namen von Auschwitz, Theresienstadt und Riga.

Das Denkmal erinnert uns an hässliche Widerwärtigkeiten. Darum kann und darf es nicht „schön“ sein. Es erinnert uns daran, dass die Synagoge, die jüdische Gemeinde, die 101 Menschen nicht mehr da sind. Ihre Nachkommen leben in aller Welt, nur nicht in Tübingen.

Es gibt unter uns Menschen, die trauern um den Lützelbrunnen. Er ist da. In diesem Kubus, sichtbar durch 101 Öffnungen im Stahl. Die Synagoge ist nicht mehr da. Die Torarollen sind nicht mehr da. Die Menschen, die hier ihre Gottesdienste gefeiert haben, sind nicht mehr da.

Der Lützelbrunnen ist noch da. Aber er ist nicht mehr zugänglich. Auch die Synagoge ist nicht mehr zugänglich. Die verbrannte Erde, auf der sie stand, ist nicht mehr zugänglich. Die vor zwei Jahren aufgefundenen und in den Neubau eingeschlossenen Fundamentsteine sind nicht mehr ohne Weiteres zugänglich. Auch die Brunneninschriften von 1978/79 sind uns nicht mehr zugänglich. Es gibt keinen Weg zurück zu der unzulänglichen Art des Gedenkens vergangener Jahre. Der Brunnen war da und ist da. Aber erst jetzt, in seiner Unzugänglichkeit, findet er die Beachtung und die Achtung, die er als Gedenkort früher nicht bekam.

Heute wird nach fast dreijähriger Vorarbeit dieses Denkmal eingeweiht. Die Projektgruppe dankt den vielen Menschen, die zu diesem Projekt beigetragen haben. Hier sind zu nennen die Künstler, die sich dem Wettbewerb gestellt haben, die Mitglieder der Jury, die Wettbewerbssieger Jörg Weinbrenner und Gert Riel, Gemeinderat, Stadtoberhäupter und Verwaltung der Stadt Tübingen, besonders Leitung und Mitarbeiter des Stadtarchivs, des Stadtmuseums, des Tiefbauamts und des Kulturamts, ferner die hunderte von Menschen, die Geld für das Denkmal gespendet haben, die, die uns mit Rat und Tat und solidarischer Kritik zur Seite standen, die Künstler, die zu Benefizveranstaltungen für das Denkmal bereit waren, die zweieinhalbtausend Unterzeichner des Appells für die Erhaltung der Synagogenreste, der Förderverein Synagogenplatz, die Institutionen, die uns ihre Mittel und Räume zur Verfügung gestellt haben und die beiden Musiker, die diesen ersten Teil der Feier mit ihrem Spiel umrahmen, Raphael Schenkel, Klarinette, und Andreas Dehner, Bass, die so spontan zugesagt haben, dass sie nicht im Programm stehen. Ihnen allen danken wir. Nur mit ihrer Hilfe konnten wir fünf und die beiden früheren Projektgruppenmitglieder - Mitglieder der ehemaligen Bürgerinitiative Synagogenplatz, der Geschichtswerkstatt und der evangelischen Kirche - unser Ziel erreichen. Die fünf jetzigen Mitglieder sind Ulrike Baumgärtner, Uschi Braun, Dr. Ewald Eisenbraun, Martin Ulmer und ich, die beiden früheren Elisabeth Odinius und Eberhard Frasch.

Heute appellieren wir an alle Einwohner Tübingens: Halten Sie das Gedenken an die vertriebenen und ermordeten Tübinger Juden in Ehren! Und wir bitten um weitere Spenden zur Finanzierung des Denkmals, z. B. indem Sie einen „Baustein“, einen Teil aus diesem Stahlkubus, erwerben. Das Denkmal wurde überwiegend durch Spenden von Bürgern finanziert, das wünschen wir uns auch für den benötigten Rest von 20.-30.000 DM.

Ich will nicht verschweigen, dass der Weg zum Denkmal auch ein schwieriger und konfliktreicher war. Der vorgesehene zeitliche und finanzielle Rahmen wurde um ein Mehrfaches überschritten. Kompromisse, auch schmerzhafte, mussten eingegangen werden. Der prämierte Entwurf musste gegen Widerstände realisiert werden. Wer sich der Nazivergangenheit, wer sich der Schoa stellt, bewegt sich auf sensiblem Terrain.

Auch jetzt gibt es Streit, darum weihen wir heute ein unvollendetes Denkmal ein. Zur Konzeption des Gedenkorts Synagogenplatz gehörten von Anfang an dreierlei Texte: der Gedenktext mit den Namen, den Sie in den Tafeln über der Wasserrinne sehen; der illustrierte Informationstext über die jüdische Gemeinde und ihre Vernichtung, den sie auf der Stele an der Straße finden; und ein Text, der die „Orts-Geschichte“ dieses Grundstücks von 1938 bis heute dokumentiert und reflektiert. Er zeichnet den Weg nach, wie bürgerschaftliches Engagement das Schweigen durchbrochen und der Erinnerung ihren festen Ort im Leben dieser Stadt gegeben hat, zunächst ohne, dann mit und manchmal auch gegen die Stadt. Dieser von Prof. Utz Jeggle verfasste dritte Text ist für die hangseitige Mauer vorgesehen. Die Projektgruppe schlägt vor, dass dieser Text nicht mit der Lesart offizieller Texte konform geht. Er soll vielmehr aus einer wahrnehmbaren Distanz zur städtischen Position formuliert sein. Die aktuelle Textversion wurde am vergangenen Freitag im Schwäbischen Tagblatt im Wortlaut dokumentiert. Wir hoffen auf eine konstruktive Lösung dieser Auseinandersetzung.

Ich schließe mit dem Schlussabschnitt des Textes von Prof. Jeggle: „Dieses Denkmal soll keinen Schluss der Debatte bedeuten. Im Gegenteil, die Macht der Erinnerung wird keine Ruhe geben, sondern immer wieder Vergessenes und Vergrabenes ans Tageslicht bringen - wenn keine Steine, dann Geschichten und Geschichte. Die Erinnerungen der Zeitzeugen sterben nicht mit ihnen. In veränderter Form wird ihr Wissen bewahrt und weitergegeben. Texte und Fotos, Stadtführungen und Geschichtspfade übernehmen die Zeugenschaft und sorgen dafür, dass der Platz anders zu uns redet - aber verstummen wird er niemals.“