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Die Fenster in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche
in Tübingen WHO

Ein besonderes Kleinod in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche sind die Fenster, die von der Künstlerin und Dichterin Gisela Dreher-Richels mit Zitaten von Dietrich Bonhoeffer gestaltet wurden
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Fenster mit Märtyrerrose Worte von Dietrich Bonhoeffer Worte von Dietrich Bonhoeffer Fenster mit Märtyrerrose Worte von Dietrich Bonhoeffer Die Fenster sind gestaltet von der Künstlerin Gisela Dreher-Richels
Wohnung - Gefängnis - Vergitterung - Durchlässigkeit

Gisela Dreher-Richels über die Fenster der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche

Ich sollte etwas über meine Arbeit sagen. Ich mache Fenster, und ich schreibe Texte. Das ist meine Arbeit. Und wenn sie gelingt, stehen zwei Wirklichkeiten in ihrem Mittelpunkt, geht es um Durchsichtigkeit, eine Transparenz nach innen und nach außen.

"Das Jenseitige ist nicht das unendlich Ferne, sondern das Nächste". Und "Als Gottes Wort mich das erste Mal traf, da hat es mich zum Fremdling gemacht auf dieser Erde".

Zwei Worte Dietrich Bonhoeffers, die mich besonders berührten. Beide sprechen von den zwei Wirklichkeiten, jede von einem anderen Aspekt. Beide Aspekte sind einander eng verbunden. Wir leben, wohnen, denken in "der Wirklichkeit', spüren, dass es noch eine andere gibt, beginnen, von Sehnsucht ergriffen, sie zu suchen. Immer wieder beginnt sie hindurchzuschimmern durch die Wirklichkeit, in der wir leben. Und zuweilen fühlen wir Wirklichkeit, die wir suchen, uns ganz nahe, in uns selbst, geben ihr Wohnung. Dann ist Innen und Außen aufgehoben.

"Was würden Sie machen, wenn Sie diese Fenster zu gestalten hätten?", wurde ich gefragt in der neuen Dietrich-Bonhoeffer-Kirche in Tübingen. Keine leichte Aufgabe -: äußerst schmale Lichtschlitze in großen Mauerflächen. Diese trennen die Fenster voneinander, lassen sie unverbunden erscheinen, isoliert, und sie sollen doch miteinander zu einer Lichtführung kommen.

Im Augenblick verband sich mir beides zu einem -: die Durchlässigkeit des Materials Glas und die Durchlässigkeit der Sprache Bonhoeffers. "Mit Aussagen und Sätzen von ihm die Fenster gestalten". Das heißt: Von Mauer zu Mauer mit dunklen Schriftblöcken überbrücken. Mit diesen dunklen Zeichen gitterhaft das Licht brechen, das Innenlicht verändern. Diese Zeichen sind Worte, meist aus den späten Briefen, aus der Gefangenschaft. Mit ihrer Aussage durchbrechen sie einkerkernde Mauern und vergitterte Fenster. Was ist dann noch Außen, was Innen? Was Hell, was Dunkel? Nicht mehr entweder - oder, sondern sowohl - als auch.

Zu den Wortzeichen wollte ich noch ein Bildzeichen setzen -: die Märtyrerrose.

Einmal -: Rose. Wenn wir an Blüte, edlen Duft, durchharmonisierte Pflanzengestalt denken, fällt sie uns zuerst ein. So soll sie uns entgegenblühen als Bild der großen Schönheit, die uns auf unserer Erde umgibt. Zu den Christen sagt Ghandi, sie sollten nicht reden, sondern blühen und duften wie die Rosen.

Die andere Rose: die der Märtyrer. Mit ihrem Fünfblatt ist sie auf den Menschen bezogen, durch ihre Fünfzahl weist sie auf die Wundmale. Sie steht, Symbol - Weiße Rose - auf blutig feurigem Grund, in den Gittern der Wortzeichen.

Als Zeichen, als Klang, als gesprochenes Wort, als Bild nehmen wir wahr. Damit nehmen wir - auf. Das schafft auch den Raum neu, in dem wir sind, das schafft Raum in uns für Echo. Wir sind in uns, im Raum, und wir durchbrechen ihn. Unser Bedürfnis, Ort zu haben auf der Erde, zu wohnen also, und unsere Sehnsucht nach der anderen Wirklichkeit, unserer Heimat und unserem Ziel. Im Sehnen haben wir dort Wohnung gewonnen.

Auszug aus dem gleichnamigen Artikel, in: Bote für die evangelische Frau, Mai 1986.