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    Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk
   
ARBEITSKREIS „BEGEGNUNG MIT DER JÜDISCHEN GEMEINDE PETROSAWODSK"
Bericht von der Reise nach Petrosawodsk
25.-30. Mai 2011
Aus den fliegenden Blättern: Viele Grüße von der jüdischenGemeinde.
Als PDF-Datei: Der Bericht, zusätzlich mit Artikeln über Dankwart-Paul Zeller und Dmitrij Tsvibel
Die Reisegruppe

Die Reisegruppe

Vom 25. bis 30. Mai 2011 reiste eine vierköpfige Delegation der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde nach Karelien. Ihr gehörten an Pfarrerin Angelika Volkmann, Pfarrer Dr. Michael Volkmann, Kirchengemeinderätin Barbara Sylla und ihr Ehemann, der Augenarzt Dr. Eckart Apfelstedt- Sylla. Außer Michael Volkmann waren alle zum ersten Mal in Russland.

Das Reiseprogramm

Mittwoch, 25. Mai:

Fahrt nach München, Flug von München nach St. Petersburg, Unterkunft im Hotel Luxa Atlas, Newskij-Prospekt 95. Erkundung der Umgebung (Metro-Station Ploschtschad Wosstanje) und Abendessen im Restaurant „Vinograd“.

Donnerstag, 26. Mai:

St. Petersburg. Besichtigung der Kasan-Kathedrale, der deutschen Evangelisch-lutherischen Kirche und der Eremitage. Blick über die Stadt von der Kolonnade der Isaaks-Kathedrale. Einstündige Kanalrundfahrt mit Stadtbesichtigung. Bummel über den Newskij-Prospekt. 22:02 Uhr Abfahrt des Nachtzuges nach Petrosawodsk.

Freitag, 27. Mai:

6:50 Uhr Ankunft in Petrosawodsk. Empfang durch Dima Tsvibel und Igor Grinberg
11.00 Uhr: Treffen mit dem Petrosawodsker Oberbürgermeister Nikolaj Levin im Rathaus
12.00 Uhr: Präsentation der russischen Ausgabe des Buches „Juden in Petrosawodsk, Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ im Saal der Adeligen Versammlung im Karelischen Heimatkundemuseum (Lenin-Platz 1). Dort Gespräch mit dem lutherischen Pastor von Petrosawodsk, Viktor Grinevich
13.20 Uhr: Museumsführung mit dem Direktor des Karelischen Staatlichen Heimatkundemuseums Michail Goldenberg
15.00 Uhr: Treffen mit Vertretern des Vereins minderjähriger KZ-Häftlinge im Maximilian Kolbe Museum und Zentrum „IZCHAK“ und Übergabe einer Spende der Familie Zeller
17.00 – Essen á la acteur („auf die Weise der Schauspieler“) im Haus der Akteure beim Verband der Theaterschaffenden der Republik Karelien
19.00 – Besuch einer Vorstellung der Operette von Johann Strauß „Die Fledermaus“ im Musikalischen Theater der Republik Karelien

Samstag, 28. Mai / Sabbat Bamidbar:

10.00 Uhr: Gottesdienst in der Synagoge mit Toralesung aus 4. Mose 1,1-4,20
13.00 Uhr: Ausflug mit dem Bus: Deutscher Friedhof Pieski – Wasserfall Kiwatsch – Heilbäder Marzialnyje Wody
20.00 Uhr: Abendessen der deutschen Gäste bei Familie Grinberg

Sonntag, 29. Mai:

8.45 – 14.15 Uhr: Schiffsreise zur Insel Kishi, Führung auf der Insel durch Irina Podgornaja
15.00 Uhr: Gemeinsames Mittagessen im „Theatercafé“ Anschließend Stadtbummel
22.50 – Abfahrt nach Sankt-Petersburg

Montag, 30. Mai:

7:15 Uhr: Ankunft in St. Petersburg
8:00 -14:00 Uhr: Busfahrt durch die Stadt und in die Umgebung mit folgenden Stationen: Alexander-Newskij-Kloster; Smolnij-Kloster; Eremitage und Dworzowaja-Platz; Christi- Auferstehungskirche „Auf dem Blute“; Senat; Nikolskij Sobor (Nikolaus-Marine-Kathedrale); Schloss und Park Peterhof.
17:10 Uhr: Rückflug nach München und Rückfahrt nach Tübingen.

Reiseeindrücke, zunächst von Ehepaar Apfelstedt-Sylla, dann von Ehepaar Volkmann:

St. Petersburg

St. Petersburg

Mit der Ankunft auf dem Flughafen in St. Petersburg tauchte man ein in die im Vergleich zum Flair westlicher Großstädte ganz andersartige Atmosphäre dieser Metropole, die wohl aus einer Melange von Eindrücken aus unterschiedlichen Epochen entsteht:

Prachtbauten aus der Zarenzeit – außerhalb der touristischen „hot spots“ schon mit reichlich Patina -, verblichener UDSSR-Prunk, uniformierte Relikte der Sowjetzeit (die Passkontrolleurin, die minutenlang mit gusseisernem Gesicht meinen Reisepass prüfte, das Aufsichtspersonal in der Metro, das – vermutlich stundenlang - regungslos in winzigen Plexiglaskabinen am Ende der Rolltreppen verharrt und die Passanten (worauf eigentlich?) überwacht... Überhaupt, die Metro und ihre nicht enden wollenden Rolltreppen: als führe man in ein Schaubergwerk ein, die Stollen dekorativ gekachelt und mit kunstschmiedenen Leuchtern versehen, seitlich mit Eisentüren verschlossene Tore, die sich regelmäßig automatisch öffnen, und dann den Weg freigeben, - nur nicht in einen Seitenstollen, sondern in die geöffneten Türen der eben eingefahrenen Metrobahn, - und den Blick freigeben auf eine Phalanx undurchdringlicher Gesichter von Fahrgästen, in die es sich rasch einzureihen gilt, bevor die besagten Eisentüren sich mit fast fallbeilartiger Geschwindigkeit wieder schließen. Ja, die öffentlich zur Schau getragene Miene der meisten Russen als freundlich zu bezeichnen, wäre etwas übertrieben. Um so schöner die Herzlichkeit und Wärme, die wir im weiteren Verlauf der Reise als private Gäste in der jüdischen Gemeinde von Petrosawodsk stets zu spüren bekamen.

Und was noch beiträgt zur singulären Atmosphäre von St. Petersburg: die Gegenwart, der fortschreitende Einzug von Kapitalismus und Kommerz nach westlichem Vorbild, und die Gewinner und Verlierer dieses Prozesses: auf den Strassen reicher russischer Chic neben zerlumpten Obdachlosen, westliche Luxuskarossen neben rostigen Jahrzehnte alten Fahrzeugen aus früherer Sowjetproduktion. Und die Akteure auf unterschiedlichem Niveau: hier erobern die üblichen westlichen Mode- und Fastfoodketten historische Bauten, dort bieten sich private Busunternehmen mit klapprigen Kleinbussen als Alternative zum öffentlichen Personentransport an; unser Minihotel befand sich in einem schlecht instand gehaltenen Wohnhaus: eine ehemalige Etagenwohnung darin war umgebaut worden und bot unerwartet saubere und durchaus komfortable Unterkunft. St. Petersburg ist seit jeher berühmt für sein klassisches Kulturprogramm. Mit der Öffnung nach Westen scheint sich auch im nichtklassischen Segment eine multikulturelle Szene zu entwickeln. Wir bekamen zufällig einen Eindruck hiervon: auf der abendlichen Suche nach einem Restaurant gelangten wir über einen äußerlich wenig einladenden Souterrain-Eingang in ein Lokal mit portugiesischem Besitzer, in welchem wir dann nicht nur gut speisten, sondern im Laufe des Abends sogar brasilianische Live-Musik, Bossa Nova und Samba in ausgezeichneter Qualität geboten bekamen.

Erimitage St. Petersburg zeigte sich uns natürlich auch in seiner bekannten Pracht: bei einer eindrucksvollen Bootsfahrt durch die Kanäle der Stadt und auf der Newa, beim Besuch der herrlichen Zarenresidenzen Eremitage und Peterhof. Man mag mehr oder weniger zutreffende Vergleiche anstellen, zu Venedig, Amsterdam, zu Schlossanlagen in anderen europäischen Ländern.

Aber da ist noch etwas, was sich jedem Vergleich entzieht: die zahlreichen, prachtvollen russischorthodoxen Kirchen und Klosteranlagen, die das Bild der Stadt prägen, und vor allem, die darin (wieder?) erlebbare lebendige Religionspraxis. Ich hatte erstmals, und gleich an mehreren Orten, Gelegenheit, eine im Gange befindliche russischorthodoxe Messe zu verfolgen. Ungewöhnlich fand ich das scheinbar zwanglose Kommen und Gehen der Messbesucher, die der Messe im Stehen beiwohnten. Dies Verhalten stand für mich fast im Kontrast zum eindrucksvollen Bilderreichtum und Goldschmuck der Kirchenräume und zur Aufwändigkeit der Liturgie, die von einer ganzen Gruppe von Geistlichen abgehalten wurde. Besonders stark berührte mich hierbei der liturgische Chorgesang, der immer wunderbar rein und ausgewogen ertönte und eine intensive und sehr wohltuende Atmosphäre erzeugte. Generell war in und um diese Kirchen eine gelassene und auch kontemplative Stimmung. Sie erschienen mir als Ruhepole in dem sonst durchaus hektischen Treiben der Stadt.

In Petrosawodsk

In den frühen Morgenstunden Ankunft am Bahnhof Petrosawodsk. Herzlicher Empfang. Mit Gepäck ins Auto zur Gastgeberin Nina. Da steht sie vor uns, eine ältere Dame, neben ihr Monja, der kleine schwarze Hund, ebenso eine ältere Dame. Ein Zimmer ihrer bescheidenen Wohnung überlässt Nina uns. Die warme Dusche und das überaus reichhaltige Frühstück sind jetzt, nach der nächtlichen Zugreise, gut. Wir sprechen keine gemeinsame Sprache und sind doch nicht sprachlos. Es gibt Gestik, Mimik, Papier und Stift für Zeichen- Sprache. Dabei Freude und Lachen. Monja wedelt mit dem Schwänzchen und lässt sich, als Zeichen der Akzeptanz, mit „Fischlis“ füttern. Früh an jedem Morgen brät Nina bereits Blinis in der Pfanne, häuft sie auf unsere Frühstücksteller und wartet, bis alle aufgegessen sind. Sie staunt über die Nescafémengen, die wir zum Wachwerden brauchen, hat Befürchtungen, unsere Herzen könnten Schaden nehmen... Fürsorglich achtet sie darauf, dass wir warm angezogen sind und der Schirm nicht vergessen wird.

Kivatch-Wasserfall Jeden Tag sind wir von unseren Gastgebern in große Fürsorglichkeit eingebettet. Erlebnisreiche Ausflüge hat die Jüdische Gemeinde für uns organisiert und ist dabei immer auch auf unser leibliches Wohl bedacht. Mitten im strömenden Regen findet sich eine Schutzhütte, nahe des Wasserfalls „Kivatch“.Hier machen wir Mittagspause – Mittagsimbiss. Für alles haben die lieben Menschen gesorgt! Flinke Hände entleeren die herbei getragenen Taschen und Tüten. Auf der schönen Tischdecke breiten sich die herrlichsten Köstlichkeiten aus – Pellkartoffeln, gebratene Hähnchenschlegel, Tomaten, Hering in Öl, gekochte Eier, Brot und der obligatorische Wodka, Wasser und Tee. Ebenso obligatorisch, Nescafé zum Nachtisch. Für alles ist gesorgt. Spontan, unkompliziert. Ebenso schnell wie „Tischlein- deckdich“, ist alles wieder verstaut und die Busfahrt geht weiter. Abenteuerlich schlechte Straßen, voller Schlaglöcher, die uns beinahe aus unseren Sitzen katapultieren, die Köpfe reflexartig eingezogen, die Busdecke ist niedrig. Mit der „Karelia“, einem Tragflügelboot, gleiten wir dagegen kaum merklich für gut eine Stunde über den Onegasee, um einen Besuch auf der Insel „Kishi“ zu machen. Unsere Führerin Irina, Tübingen in langjähriger Freundschaft verbunden, in großer Liebe zu dieser Insel, ließ uns an ihrer Begeisterung teilhaben. „Kishi“ mit seinem Freilichtmuseum ist eine besonders beeindruckende Schönheit Kareliens. Die Fahrt über den See gewährt uns einen weiten Blick in die Landschaft ringsum. An Land verfängt sich der Blick in karelischer Birke, Erle und Kiefer. Wald so weit das Auge reicht.

Kischi Sollte die Stadt Tübingen doch eine der vielen Inseln oder gar einen der zahllosen Seen Kareliens kaufen? Nikolaj Levin, der Oberbürgermeister von Petrosavodsk, hat es jedenfalls angeboten. Die nächste Reisegruppe kann sich ja mal Gedanken darüber machen... Oder doch besser der Jüdischen Gemeinde einige deutschsprachige Thora- und Gebetbücher schenken, damit die Gäste beim Sabbatfeiern dem gelesenen Text folgen können. Dank den gastfreundlichen Menschen der Jüdischen Gemeinde in Petrosavodsk.
Eckart Apfelstedt-Sylla und Barbara Sylla


Empfang beim Oberbürgermeister

Empfang durch den Oberbürgermeister

Vor dem Rathaus erwartete uns Prof. Valentina Dwinskaja, die uns während der drei Tage unseres Besuches mit ihren exzellenten Deutschkenntnissen als Dolmetscherin begleitete. Im Foyer des Rathauses wurden uns Portraitfotos der Ehrenbürger der Stadt gezeigt, unter ihnen der am 7. Mai verstorbene Vorsitzende der Tübinger West-Ost-Gesellschaft, Dr. Jörg Bohse. Obwohl wir keine offizielle Delegation waren, wurden wir vom Oberbürgermeister der Stadt Petrosawodsk, Nikolaj Levin, und weiteren Repräsentanten der Stadt (wie der Beauftragten für Tourismus) sowie der Republik Karelien (einer Vertreterin des Ministeriums für Angelegenheiten der Religionen) empfangen. Herr Levin begrüßte uns, würdigte die Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Petrosawodsk und besonders das Engagement des verstorbenen Dr. Jörg Bohse. Er fügte einige werbende Worte für seine Stadt und das Land Karelien hinzu. Von unserer Seite dankte zunächst Dima Tsvibel für die Möglichkeit zum Gespräch und erzählte von der Partnerschaft zwischen der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk und der Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde.

Michael Volkmann stellte die Mitglieder der Tübinger Reisegruppe namentlich vor und skizzierte einige wichtige Entwicklungen, die durch die interreligiöse Partnerschaft in beiden Gemeinden angestoßen wurden. Er würdigte seinerseits das Wirken des im Dezember verstorbenen Dankwart-Paul Zeller und den freundschaftlichen Charakter unserer Beziehungen. Der Oberbürgermeister dankte den Tübinger Gästen für ihr Engagement für die Städtepartnerschaft. Volkmann und Tsvibel stellten das Buch „Juden in Petrosawodsk - Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ vor und überreichten dem Oberbürgermeister je ein deutsches und russisches Exemplar. Dann verabschiedete man sich mit guten Wünschen.

Buchvorstellung

Vorstellung der russischen Ausgabe des Buches „Juden in Petrosawodsk - Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“

Vom Rathaus ging es direkt zum Karelischen Heimatkundemuseum am Lenin-Platz. Dort war der „Saal der Adeligen Versammlung“ bereits gut gefüllt mit Menschen, die sich für die russische Ausgabe des Buches von der erstaunlichen Liebesgeschichte interessierten. Museumsdirektor Michail Goldenberg hieß uns herzlich willkommen. Dima Tsvibel stellte das Buch vor, während Bilder aus der Geschichte unserer Partnerschaft auf eine Leinwand projiziert wurden. Den Hauptteil der Veranstaltung bestritt der Kriegsveteran Garry Lak, der von seinem Briefwechsel mit Dankwart-Paul Zeller, ausgelöst durch dessen Roman „Das Geheimnis der Partisanen-Tora“, berichtete. Der Kontakt zwischen beiden bestand nur brieflich, sie trafen sich nie, doch sie lernten einander in tief gehender Weise kennen. Diesem Reisebericht ist ein Nachruf von Garry Lak (PDF 1,3 MB) auf Dankwart-Paul Zeller beigefügt. Für die Tübinger Gruppe sprachen Michael und Angelika Volkmann zum Publikum. Anschließend an die Veranstaltung wurde Michael Volkmann für das lokale Fernsehen über das Ziel und die Wirkung des Buches interviewt, die Sendung erfolgte noch am selben Abend. Im Publikum waren viele Bekannte: der Büroleiter der karelischen West-Ost-Gesellschaft Mark Kirsanow, der Psychiater Prof. Dr. Mark Burkin, Dima Gendelev, Xenia Titkova – sie alle waren schon in Tübingen – sowie der Pastor der lutherischen Gemeinde Viktor Grinevich. Im Anschluss an die Veranstaltung führte uns Michail Goldenberg durch das modernisierte und erweiterte Museum. Am nordwestlichen Ende des Gebäudes kamen wir auch in den Saal, der ums Jahr 2000 für einige Jahre Synagoge war, bevor die Stadt Eigenbedarf für das Museum geltend machte. Das Heimatkundemuseum zeigt faszinierende prähistorische Felszeichnungen und dokumentiert anschaulich das Leben in Karelien.

Maximilian-Kolbe-Museum

Besuch im „Maximilian-Kolbe-Museum“

Im Kolbe-Museum hatte sich seit dem Besuch der Tübinger Jugendgruppe vor drei Jahren wenig verändert. Das Auffälligste waren Stuhlreihen in der Mitte, die darauf hinwiesen, dass immer wieder Gruppen ins Museum kommen. Der Vorsitzende, der Mäzen und weitere Mitglieder des Vereins der minderjährigen KZ-Häftlinge begrüßten uns herzlich. Vier junge Frauen Mitte zwanzig stellten sich uns als ehrenamtliche Mitarbeitende des Museums vor. Die Lehrerin Katja schilderte uns in perfektem Deutsch, wie sie der jungen Generation das furchtbare Geschehen des Holocausts nahebringen, das in den Schulbüchern fehlt. In fünf russischen Städten gibt es solche Vereine, doch nur der Verein in Petrosawodsk hat ein solches Museum aufgebaut. Er verdankt es der Initiative des 2006 verstorbenen Vadim Misko. Misko wäre als 16jähriger KZ-Häftling beinahe einer Vergeltungsaktion zum Opfer gefallen. Er war bereits zur Erschießung ausgezählt, da nahm der SS-Mann an seiner Stelle den nächsten Häftling, einen Erwachsenen.

Gedenkstätte Pieski Zeit seines Lebens verstand Vadim Misko seine Rettung als Verpflichtung. Mit seinem Museum erinnerte er an Maximilian Kolbe, der sich in einer vergleichbaren Situation für einen Mithäftling geopfert hatte. Beharrlich setzte er sich dafür ein, dass alle Opfer staatlicher Gewalt in Karelien einen Ort des Gedenkens erhielten: die Opfer des Stalinismus in den Massengräbern in den Wäldern um die Stadt und die verstorbenen Kriegsgefangenen in Pieski ebenso wie die nach Kriegsende aus den deutschen Ostgebieten verschleppten jungen Frauen von Padosero. Vadim Misko und Paul Zeller wurden enge Freunde, eine Tafel des Museums erinnert daran. Beim gemeinsamen Essen im hinteren Raum des Museums überreichten wir eine namhafte Spende im Auftrag der Angehörigen von Dankwart-Paul und Agnes Zeller, die als ein letzter Gruß von Paul entgegengenommen wurden.

Sabbatfeier in der Synagoge

Am Samstagmorgen feierten wir zusammen mit unseren Gastgebern einen Sabbatgottesdienst in den Synagogenräumen der Gemeinde. Unter den versammelten Männern war auch Salman Kaufmann, der bei unserem Besuch 1997 im Gespräch mit Dankwart-Paul Zeller festgestellt hatte, dass sie im Zweiten Weltkrieg zur selben Zeit am selben Frontabschnitt auf gegnerischen Seiten an den Kämpfen bei Borowitschi teilgenommen hatten. Der Gottesdienst begann mit dem Morgengebet für den Sabbat mit den dazugehörigen Psalmgebeten. Vorbeter war Dima Tsvibel, der der Reihe nach die versammelten Männer in die Lesung der Gebete mit einbezog. Als die Tora zur Lesung ausgehoben wurde, wurde Michael Volkmann als erster zur Lesung aufgerufen. Er las aus der Rolle den ersten Teil der Parascha „Bamidbar“, das ist 4. Mose 1,1-16. Die weitere Lesung bestritt Dima Gendelev auf Russisch. Nach dem Gottesdienst wurde der Tisch gedeckt und gegessen, dazu gab es einige Tischreden. Vor Beginn des Sabbats hatten wir Dima Tsvibel eine große Spende der Dietrich- Bonhoeffer-Gemeinde überreicht. Ein Teil, der von Karl-Hermann Blickle gespendet worden war, wurde für medizinische Hilfe bestimmt, der Rest für allgemeine soziale Hilfe. Soziale Hilfe ist die vordringliche Aufgabe der Gemeinde, deren vermögende und junge Mitglieder großenteils ausgewandert sind. Die Gemeinde hat eine Wohnung geerbt, nach Abzug von Steuern verbleiben monatlich 250 €, auch dieser Betrag fließt in voller Höhe in die soziale Hilfe für Bedürftige zum Kauf von Lebensmitteln und Medikamenten.

Bei Familie Grinberg

Persönliche Begegnungen

Von den zahlreichen persönlichen Begegnungen war das gemeinsame Abendessen auf Einladung von Familie Grinberg, Gastgeber von Ehepaar Volkmann, sehr bewegend. Bei Familie Grinberg waren vor drei Jahren bei der Jugendreise schon Marie Volkmann und Carina Kammler zu Gast gewesen. Am Abendessen nahmen die Eltern Grinberg, Igor und Ludmilla, teil, ihr Sohn Kolja mit Freundin sowie die Tochter Vera, die im zweiten Halbjahr 2011 für fünf Monate nach Israel geht, weiter die Ehepaare Volkmann und Apfelstedt-Sylla sowie als Dolmetscherin Valentina Dwinskaja. Im Lauf des Abends fragten wir die Gastgeber direkt, was die Gründung des jüdischen Vereins „Schalom“ und die Entstehung der jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk für sie bedeutet habe. Der EDVTechniker Igor Grinberg erzählte, er stamme aus Odessa, wo sein Vater hoher Offizier der Sowjetarmee gewesen sei. Sein Judentum habe er deswegen ganz in den Hintergrund gerückt. Igor wuchs in einer Atmosphäre auf, in der die jüdische Identität für die Familie zwar wichtig, zugleich aber ein Tabu war. Dies änderte sich erst nach der Heirat von Igor und Ludmilla und ihrem Umzug nach Petrosawodsk nach den großen politischen Veränderungen Anfang der 1990er Jahre. Durch die Gründung zunächst der jüdischen Kulturgesellschaft „Schalom“ und dann der jüdischen Gemeinde von Petrosawodsk gab es für Igor zum ersten Mal einen Ort, wo er sein Jude sein öffentlich zeigen und es in Gemeinschaft mit anderen leben konnte.

Seine Frau Ludmilla kommt aus einem atheistischen Elternhaus. Sie arbeitet als Pianistin in einer Ballettschule, wo sie die Schülerinnen und Schüler beim Tanz begleitet. 1998 fragte sie Dima Tsvibel, der ebenfalls Pianist ist, ob sie als Frau eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde bereit sei, die Leitung der Sonntagsschule der Gemeinde zu übernehmen. Zögernd sagte sie zu und begeisterte sich dann sehr für ihre neue Aufgabe. Ludmilla vertiefte sich immer mehr ins Judentum. Sie nahm an Weiterbildungskursen des Moskauer Steinsaltz- Instituts teil, wo sie den bedeutenden Talmud- Gelehrten Prof. Adin Steinsaltz persönlich kennen lernte. „Ich muss euch etwas zeigen“ sagte sie mit der Hand winkend und führte uns ins Nebenzimmer, wo hinter der Tür zwei Regale gefüllt mit Judaica standen: die 14 Kursbücher des Steinsaltz-Instituts neben russischen und hebräischen Ausgaben der Tora, Mischnatraktate, ein Gebetbuch für den Synagogengottesdienst (Siddur), Bücher über verschiedene Strömungen des Chassidismus, modernes jüdisches Leben und Israel. Ludmilla hat durch ihre Beschäftigung mit dem lebendigen Judentum viel für ihr eigenes Leben gewonnen. Jetzt im Juni reist ihre Tochter für einige Monate nach Israel.

Im Gespräch mit Igor und Ludmilla begannen wir an jenem Abend zu begreifen, was das Geschenk der Torarolle vor fünfzehn Jahren in dieser Stadt in Bewegung gesetzt hatte und was es für die Juden von Petrosawodsk und ihre Angehörigen bedeutet.
Angelika und Michael Volkmann

Der Bericht von der Reise, zusaätzlich mit Artikeln über Dankwart-Paul Zeller und Dmitrij Tsvibel (PDF-Datei 1,3 MB)