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    Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk
Zu Besuch bei Freunden in Petrosawodsk/Russland

Seit 19 Jahren sind Tübingen und Petrosawodsk Partnerstädte, seit 12 Jahren sind die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk Partnergemeinden mit jährlichen Begegnungen. In diesem Sommer (24. Juli bis 1. August 2008) fuhr zum ersten Mal eine Gruppe Jugendlicher in die karelische Hauptstadt.
Eine Reise mit Jugendlichen vom 24. Juli bis 1. August 2008

Programm

Donnerstag, 24. Juli 2008
06.00 Uhr Beginn der Reise in Tübingen-Waldhäuser Ost mit dem Reisesegen aus Psalm 121
08.15 Uhr Flug von Stuttgart über Berlin-Tegel nach St. Petersburg
Einige Stunden Aufenthalt in St. Petersburg nutzten wir zur Vorbereitung unseres Aufenthalts am Ende der Reise und zum Bummel über den Newski-Prospekt und zur Kasan-Kathedrale
22.00 Uhr Abfahrt des Nachtzuges von St. Petersburg nach Petrosawodsk


Freitag, 25. Juli
07.00 Uhr Ankunft in Petrosawodsk und Begrüßung durch die Gastgeber am Bahnhof,
Unterbringung in Privatquartieren
10.00 Uhr Stadtrundgang mit Prof. Dr. Valentina Dwinskaja: Leninplatz (Landeskundemuseum), Karl-Marx-Allee (Innenministerium, Geschäfte, Sportanlagen, Traktorenwerk), Kirow-Platz (russische und finnische Oper, Kunstmuseum, Baum der Partnerstädte), Anlagensee und zurück
12.00 Uhr Führung im Museum für Landeskunde: Festsaal, Ausstellung karelischer Musikinstrumente, Ausstellung vorgeschichtlicher Felszeichnungen, anschließend Mittagessen und freie Zeit
18.00 Uhr Ich besuche Michail Brawyi und treffe dort mit Prof. Dr. Juri Rybak zusammen, der inzwischen in Kanada (London/Ontario) lebt und gerade in Petrosawodsk zu Besuch ist
20.00 Uhr Sabbat-Eingangsfeier in der Gemeinde-Räumen nahe dem Leninplatz. Treffen mit Mitgliedern des Jugendclubs der Jüdischen Gemeinde

Samstag, 26. Juli
10.00 Uhr Gottesdienst in der Synagoge mit Lesung des Toraabschnitts Mattot (4. Mose 30-32)
Anschließend Kiddusch und Imbiss
12.00 Uhr Ausflug nach Kondopoga (Besichtigung der 250 Jahre alten Mariä-Grablegungs-Kirche, einer Holzkirche am Onegasee) und zum Kiwatsch, dem zweitgrößten Talwasserfall Europas


Sonntag, 27. Juli
12.00 Uhr Fahrt mit dem Tragflügelboot zur Insel Kischi (UNESCO-Weltkulturerbe). Führung im Pogost und durch das Bauernhausmuseum (Führerin: Swetlana Aninkina)
20.00 Uhr Tagesausklang in der Szene-Bar „Kiwatsch“

Montag, 28. Juli
12.00 Uhr Zusammen mit Dimitri Tsvibel besuche ich Efim Levin (91), den Vorbeter der Gemeinde
14.00 Uhr Führung durch das „Museum Kischi“ mit kunsthandwerklichen Vorführungen (Stickereien) und Sonderausstellung über die Stadt Olonez
16.00 Uhr Führung durch eine Sonderausstellung mit Kopfbedeckungen des Museums Kischi, anschließend Gespräch mit Frau Alexandra Jerschowa vom karelischen Ministerium für Jugend und Angelegenheiten der Religionsgemeinschaften
18.00 Uhr Besuch in einem Reitstall, einem Projekt des Behinderten-Hilfsvereins Wsaimodeistvie (Zusammenwirken), unter Leitung von Frau Irina Brumistrowka

Dienstag, 29. Juli
10.00 Uhr Besuch des Maximilian-Kolbe-Museums, des von Vadim Misko begründeten ersten russischen Schoa-Museums, Zusammentreffen mit dem Direktor Igor Jakowlew
12.00 Uhr Ausflug in den ersten russischen Kurort Marzyalnye Woda (Museum, Kirche Zar Peters I.)
Gemeinsamer Ausklang in der Datscha von Maria Gontcharuk
18.00 Uhr Fahrt der männlichen Reiseteilnehmer zur Datscha von Michail Brawyi nach Derebjanka

Mittwoch, 30. Juli
10.00 Uhr Gespräch zwischen mir und Dimitri Tsvibel
16.00 Uhr Karelische Nationalbibliothek: Fernseh-Interview und Öffentliche Präsentation des Buches „Juden in Petrosawdosk – Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“, Diskussion, in Anwesenheit von Herrn Zwertgoff, Vertreter des karelischen Kultusministeriums
18.00 Uhr Abschiedsveranstaltung im Haus des Künstlers: Tanzvorführung des Ensembles AVIV und gemeinsames Abendessen
23.00 Uhr Abfahrt des Nachtzuges nach St. Petersburg

Donnerstag, 31. Juli
07.00 Uhr Ankunft in St. Petersburg, Bezug des Hotels „Abaschur“, Ligowski-Prospekt 55/4, Frühstück
Fahrt über den Newski-Prospekt zum Schlossplatz
10.00 Uhr Isaaks-Kathedrale: Aufstieg auf die Kolonnaden
10.30 Uhr Besichtigung der Eremitage
Besichtigung der Blut-Christi-Kirche
Stadtrundfahrt mit dem Schiff: Kanäle, Newa, Admiralität, Peter- und Pauls-Festung


Freitag, 1. August
10.00 Uhr Besichtigung des Alexander-Newski-Klosters, Anwesenheit in einem orthodoxen Gottesdienst
15.45 Uhr Rückflug von St. Petersburg über Berlin-Tegel nach Stuttgart, Rückkehr nach Tübingen
Bericht: M. Volkmann
Fotos: M.Volkmann und D. Tsvibel

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002 Der Empfang war sehr herzlich, als wir nach einer 25-stündigen Auto-, Flug- und Bahn-Reise am 25. Juli morgens um 7 Uhr in Petrosawodsk ankamen. Unsere Gastgeber warteten bereits am Bahnhof, und wenig später fuhren oder gingen wir allein oder zu zweit mit in die russischen Familien, deren Gäste wir für die nächsten Tage sein sollten. Drei Stunden später trafen wir uns zum ersten von vielen begeisternden Programmpunkten.

Nur zwei von uns waren zuvor in Petrosawodsk gewesen: SilkeTakacs (20) hatte mit 17 ein Vierteljahr in Petrosawodsk gelebt, sie kennt die Stadt sehr gut und spricht fließend Russisch; und ich habe seit Beginn unserer deutsch-russischen und christlich-jüdischen Freundschaft 1996 die karelische Partnerstadt fünf Mal mit Gruppen Erwachsener aus der Bonhoeffer-Gemeinde besucht. Mit von der Partie waren dieses Mal Carina Kammler (15), Moritz Stage (15), Leo Volkmann (17), Marie Volkmann (15) sowie Julia Damson (16) aus der Südstadt und Matthias Lhotzky (18) aus der Pfalz, der durch Vermittlung seiner Tübinger Patentante an der Reise teilnahm.

„Carina und ich sind in Russland, über 2000 km weg von Zuhause, in einer fremden Stadt, in der wir uns keinen Fatz auskennen, alleine in einer Gastfamilie, wir können kein Wort Russisch, was unsere Familie aber nicht zu wissen scheint und sind ziemlich müde, hungrig und vollkommen auf diese Menschen angewiesen... In dieser einen Woche, die wir mit den Menschen verbracht und zusammen gelebt haben, sind sie mir richtig ans Herz gewachsen. Die Freundlichkeit und Offenheit mit der wir überall empfangen wurden, verwunderte mich, das ist nicht selbstverständlich, vor allem nicht zwischen Christen und Juden.“
Marie (15)


Petrosawodsk liegt weiter im Norden als Anchorage in Alaska oder die Südspitze von Grönland. Darum erlebten wir auch noch Ende Juli „weiße Nächte“.

Die Deutschprofessorin Valentina Dwinskaja, meine Gastgeberin, begleitete uns fast die ganze Zeit und sorgte für eine ausgesprochen freundliche Atmosphäre, gute Organisation und hervorragende deutsch-russische Verständigung. Sie zeigte uns bei strahlendem Sommerwetter einige bedeutende Sehenswürdigkeiten der Stadt: den Leninplatz, die Karl-Marx-Allee, die Traktorenwerke, Regierungsgebäude, Theater, Parks, Kaufhäuser und den „Baum der Städtepartnerschaften“ am Kirowplatz.

Am Freitagabend trafen wir alte und junge Freunde in der Räumen des Vereins „Schalom“, feierten den Sabbatbeginn, tauschten Grüße und Geschenke aus und lernten einander kennen. Dies war zugleich die intensivste Jugendbegegnung unserer Reise. Am Samstagmorgen kamen wir erneut in der Synagoge zusammen.

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„Wir feierten mit der jüdischen Gemeinde Schabbat, erlebten den Synagogengottesdienst und den Kiddusch mit. In dem Gottesdienst wirkten wir sogar mit, jeder von uns las reihum einen Psalm auf Deutsch vor. Das war auch eine schöne Geste, denn ich denke, die meisten der russischen Juden konnten kein Deutsch, sie hörten aber trotzdem zu, als wir die Psalmen vorlasen, genauso wie wir ihnen zuhörten, wenn sie lasen, aber ebenfalls nichts verstanden. Man kann auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen miteinander Gottesdienst feiern!“
Marie (15)
„Zuvor hatte ich schon in Denkendorf und in Israel jüdische Gottesdienste erlebt, beispielsweise in einer Containersynagoge in Jerusalem, die mit der Synagoge in Petrosawodsk - einem Keller in einem Hinterhof - vergleichbar war. Im Judentum hat das Beten eine sehr viel größere Rolle hat als bei der christlichen Liturgie. So wurde auch hier auf Deutsch, Russisch und Hebräisch gebetet. Doch viele der russischen Juden sind nicht so streng religiös wie ich es aus Israel gewohnt war. Teilweise wurden zum Beispiel Milch und Fleisch zusammen gegessen.“
Leo (17)


Mit Bedauern erfuhren wir, dass die Gemeinde auch aus ihrem dritten Quartier ausziehen musste, weil ein neues Gesetz die städtische Mietvergünstigung abschaffte und die Miete schlagartig verzehnfacht wurde. Sie ist jetzt in den sehr beengten Räumen eines Kellergeschosses untergebracht. Eigene und somit unkündbare Räumlichkeiten im notwendigen Umfang von rund 200 qm würden etwa eine Viertelmillion Dollar (rund 170.000 €) kosten und sind für die Gemeinde ohne fremde Hilfe nicht erschwinglich.

005 Zu unserem Programm gehörten auch eine Reihe von Museumsbesuchen. Im karelischen Landeskunde-Museum zeigt man uns den prächtigen Festsaal, führte uns traditionelle Musikinstrumente wie die Kantele vor und erläuterte uns die im Land verbreiteten frühgeschichtlichen Felszeichnungen. Auf der Insel Kischi, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gezählt wird, führte uns die Deutschlehrerin Swetlana Aninkina mit großer Kompetenz. Wir staunten über die einzigartigen Holzkirchen und die beeindruckenden Bauernhäuser.

„Auf der Insel wurde ein Freilichtmuseum errichtet, viele alte Bauernhäuser und einige Kirchen wurden dort hingebracht und versetzen den Besucher in die Welt des "alten Russlands' zurück. Im Inneren dieser Holzkirchen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre die man einfach nicht beschreiben kann. Die wunderbare Ikonostase und die anderen Ikonen versetzen den Kirchenbesucher in eine andere Welt. Der Ausflug nach Kishi war eine große Bereicherung der Reise und ist eine bleibende Erinnerung.“
Matthias (18)


013 Wieder in der Stadt, sahen wir im „Museum Kischi“ die traditionelle karelische Stickkunst, eine Ausstellung über die erste karelische Hauptstadt Olonez und über das alltägliche Leben der Bevölkerung in der Zarenzeit sowie eine temporäre Ausstellung seltener Kopfbedeckungen. Diese beeindruckte Leo und Moritz offenbar so sehr, dass sie sich selbst russische Pelzmützen kauften. Schließlich besuchten wir die Gedenkstätte in Pieski und das Maximilian-Kolbe-Museum und erinnerten an den unvergessenen Vadim Misko. Er hatte sich als überlebender minderjähriger KZ-Häftling für das Gedenken an alle Opfer der Gewalt eingesetzt und sowohl für die würdige Anlage des deutschen Kriegsgefangenenfriedhofs in Pieski als auch für die Einrichtung des ersten russischen Holocaust-Museums gekämpft.


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Außer dem Ausflug mit dem Tragflügelboot auf die Insel Kischi hatten unsere Freunde zwei weitere Ausflüge für uns vorbereitet. Der eine ging zunächst nach Kondopoga, wo direkt am Onegasee die 250 Jahre alte Holzkirche „Mariä Grablegung“ steht, die einzige, deren bemalte Decke noch existiert. Dieser Ort bezaubert durch seine Ruhe, doch nur noch nach einer Seite geht der Blick über den See und die Wälder in ihrem ursprünglichen Zustand. Auf der anderen Seite ist das riesige Papierkombinat zu sehen, das der Stadt Wohlstand und Umweltprobleme zugleich beschert. Das andere Ziel des Tagesausflugs war der zweitgrößte Talwasserfall Europas, der Kiwatsch. Dort sahen wir auch einige der selten gewordenen karelischen Birken mit ihren von Schnitzern geschätzten Verwachsungen.

Lange standen wir vor dem Naturschauspiel der tosend herabstürzenden Wassermassen. Ein weiterer Ausflug führte uns in den ältesten russischen Kurort, das von Zar Peter dem Großen begründete Marzyalnie Wodi mit seinem eisenhaltigen Wasser. Hier fanden wir nur mehr vergangene Pracht, besonders die Kirche mit der Loge des Zaren. Aber ein großer Rohbau scheint dem Ort eine neue Zukunft zu verheißen.


Auf der Rückfahrt vom Kurort machten wir in der Datscha von Maria Gontcharuks Familie Station. Maria ist Jugendleiterin, sie war im vergangenen Jahr in Tübingen mit dabei. Es gab ein Picknick, für das wir uns mit einigen deutschen Volksliedern bedankten. Die männlichen Reiseteilnehmer wurden noch auf eine andere Datscha eingeladen. Mischa Brawyi, bereits zwei Mal zu Gast in der Tübinger Bonhoeffer-Gemeinde, beeindruckte die Jugendlichen damit, dass er in diesem Jahr nationaler Meister seiner Altersgruppe (60+) in der in Russland beliebten Ringkampfart Sambo geworden war (auch Wladimir Putin ist aktiver Sambo-Ringer). Er heizte seine Sauna auf über 100° auf, und so erlebten wir einen entspannten Datscha-Sauna-Männer-Abend.

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Dima Tsivbel, der Leiter der jüdischen Gemeinde, hatte für uns zwei offizielle Veranstaltungen organisiert. Im Gebäude des Museums Kischi am Kirowplatz trafen wir Frau Alexandra Jerschowa vom karelischen Ministerium für Familie, Jugend und Angelegen-heiten der Religionen. Das Ministerium übernahm die Schirmherrschaft für den vor zwei Jahren von unseren jüdischen Freunden nach dem Vorbild des von Prof. Hans Küng angestoßenen Projekts Weltethos initiierten Interreligiösen Runden Tisch. Unsere Jugendlichen stellten kritische Fragen nach dem Umgang mit Homosexualität und Aids. Frau Jerschowa erklärte jedoch, beide Themen fielen in die Zuständigkeit des Ministeriums für Gesundheit und nicht in ihre.

An einem Abend fuhren wir mit der „Marschrutka“, einem Kleinbus, an den Stadtrand. Dort besuchten wir einen Reiterhof, der mit dem von Valentina Dwinskaja mitbetreuten Behindertenprojekt zusammenarbeitet.

„Öffentliche Verkehrsmittel in Petrosawodsk sind Trolleybus, Marschroutka, Taxi. Alle drei haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten benützt. In den Bussen gibt es Schaffnerinnen, die Fahrscheine verkaufen. Eine Schaffnerin haben wir sehr bewundert; wir haben sie vormittags und nachmittags in dem Bus angetroffen und sie hat allen neu zusteigenden Fahrgästen einen guten Tag gewünscht und mit einem Lächeln den Fahrschein gereicht.“
Julia (16)


006 Sehr gelungen war die öffentliche Präsentation des von mir herausgegebenen Buches „Juden in Petrosa-wodsk – Christen in Tübingen – eine erstaunliche Liebesgeschichte“ in einem Saal der karelischen Nationalbibliothek. Ein Fernsehteam war da, weitere Journalisten und auch ein Vertreter des Kultusminis-teriums, Herr Zwertgoff.

Dima Tsvibel schrieb mir nach der Reise: „Es ist wundervoll, dass wir eine Buchpräsentation hingekriegt haben – sie hat einen großen Eindruck auf die Öffentlichkeit gemacht.“

008 Unser Abschiedsabend wurde von den Tänzerinnen und Tänzern des Tanzensembles „Aviv“ gestaltet, die uns in ihre mitreißenden Tänze mit hineinzogen.

007 Aus Petrosawodsk reist man abends ab – mit dem Nachtzug nach St. Petersburg. So nimmt man die Freude über das Erlebte und die Melancholie über den Abschied von den neu gewonnenen Freunden mit in den Schlaf und in die Träume.

003 Ich habe mich sehr gefreut, dem 92-jährigen Efim Levin zu begegnen, dem unser Buch gewidmet ist.

Auch Prof. Juri Rybak, der vor acht Jahren nach Kanada auswanderte und zu Besuch da war, ist ein guter Freund, ebenso Mischa Brawyi und viele andere, unter ihnen etliche, die bereits einmal in Tübingen waren.

Grandios war St. Petersburg, wo wir unseren letzten Reisetag verbrachten: die Isaaks-Kathedrale, die Kasans-Kathedrale, die Blutkirche, die Eremitage mit dem Schlossplatz, die Admiralität, der Newski-Prospekt, die Metro, die Schiffsrundfahrt auf den Kanälen und der Newa bis hinüber zur Peter- und Pauls-Festung, das Alexander-Newski-Kloster, wo wir einen Teil eines orthodoxen Gottesdienstes miterlebten – Russland zeigte sich uns von seiner besten Seite.

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Zusammen mit den Jugendlichen erarbeite ich einen noch ausführlicheren Reisebericht.

Am Mittwoch, 24.09., 20 Uhr berichten wir im Arbeitskreis Petrosawodsk von der Reise, Interessierte sind willkommen. Unser herzlicher Dank gilt dem Kulturamt der Universitätsstadt Tübingen und der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde für ihre Unterstützung der Reise.

Das Buch „Juden in Petrosawodsk – Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ ist im Pfarramt noch in einigen Exemplaren vorrätig und kann dort zum Preis von 10 € erworben werden.

Dieser Bericht erschien als Beilage zu „Fliegende Blätter“ Nr. 1047

„Raus ins Abenteuer!“

Berichte jugendlicher Teilnehmerinnen und Teilnehmer
Marie Volkmann:
Vor unserer Reise hatte bestimmt jeder seine ganz eigene Vorstellung von dem, was uns in Russland und in den Gastfamilien erwarten würde.
Ich dachte an alte, baufällige Häuser, kühles Wetter und fettiges Essen, aber auch an gastfreundliche Menschen, da ich schon in den Jahren davor ein paar Leute aus Petrosawodsk bei ihrem Besuch hier in Tübingen kennen gelernt und sie als sehr nett in Erinnerung behalten hatte.
Und da Russland auch nicht das typische Urlaubsziel für die Sommerferien ist, war ich im Voraus schon ziemlich aufgeregt, aber ich freute mich auch, die Chance nutzen zu können, einmal gerade in dieses Land zu fahren und die Menschen und die Lebensweise dort kennen zu lernen. Diese Vorfreude war meine größte Motivation!
Als wir am Freitagmorgen um 7:00 Uhr Ortszeit nach der abenteuerlichen Fahrt mit dem Nachtzug in Petrosawodsk ankamen und gleich am Bahnhof den Gastfamilien zugeteilt wurden, wurde diese Einstellung zum ersten Mal auf die Probe gestellt. Unsere Gastmutter Ludmila holte Carina und mich ab, sie schien fast aufgeregter als wir es waren und ein Wasserfall an russischen Wörtern brach über uns herein. Mein erster Gedanke: Hat ihr denn niemand gesagt, dass wir kein Russisch können?
In der Nacht im Zug hatten wir (zu viert in einem 4 m² großen Abteil) kaum geschlafen und fühlten uns allgemein ziemlich angematscht und müde und waren so nicht mehr im Stande unbekannte Wörter aufzunehmen, also nickten wir nur dazu. Während wir den Bahnhof entlang liefen, zum Parkplatz hin, fiel mir die Kabarettreife dieser Situation auf und ich konnte ein Lachen nicht unterdrücken:
Carina und ich sind in Russland, über 2000 km weg von Zuhause, in einer fremden Stadt, in der wir uns keinen Fatz auskennen, alleine in einer Gastfamilie, wir können kein Wort Russisch, was unsere Familie aber nicht zu wissen scheint und sind ziemlich müde, hungrig und vollkommen auf diese Menschen angewiesen.
In einigen weiteren Situationen, z.B. als wir zum ersten Frühstück auf nüchternen Magen eine fettige Wurst ohne alles vorgesetzt bekamen oder als wir in einer „Marschrutka“ (16-Sitzer-Minibus) ohne Gurte saßen und mit ziemlichem Tempo eine mit Schlaglöchern übersäte Straße entlang rasten, kam dieses Lachen zurück. Am besten alles mit Humor nehmen, dann würde diese Reise bestimmt ein unvergessliches Erlebnis werden!!
Das wurde sie dann auch! In dieser einen Woche, die wir mit den Menschen verbracht und zusammen gelebt haben, sind sie mir richtig ans Herz gewachsen. Die Freundlichkeit und Offenheit mit der wir überall empfangen wurden, verwunderte mich, das ist nicht selbstverständlich, vor allem nicht zwischen Christen und Juden.
Wir feierten mit der jüdischen Gemeinde Schabbat, erlebten den Kiddusch und den Synagogengottesdienst mit. In dem Gottesdienst wirkten wir sogar mit, jeder von uns las reihum einen Psalm auf Deutsch vor. Das war auch eine schöne Geste, denn ich denke, die meisten der russischen Juden konnten kein Deutsch, sie hörten aber trotzdem zu, als wir die Psalmen vorlasen, genauso wie wir ihnen zuhörten, wenn sie lasen, aber ebenfalls nichts verstanden. Man kann auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen miteinander Gottesdienst feiern!
Wir machten auch viele Ausflüge, meistens in der Begleitung von Valentina Dwinskaja. Sie war immer und überall unsere Führerin und verblüffte uns mit ihrem ungeheuren Wissen! Egal ob es eine Holzkirche aus dem 17 Jhd. oder eine Statue von Peter dem Großen oder der zweitgrößte Wasserfall Europas, der Kiwatsch war, Valentina wusste zu allem etwas Interessantes zu erzählen. In Sachen karelische Kultur sind wir jetzt bestens informiert!
In unserer Gastfamilie verständigten wir uns meistens auf Englisch, doch wir lernten auch ein paar Wörter Russisch. So kam es an einem Abend zu einem lustigen Missverständnis, was Carina und ich aber erst auf der Rückfahrt mit dem Nachtzug merkten. Wir lagen alle vier schon in unseren Kojen und wünschten uns gute Nacht, da sagte ich, weil wir diesen Ausdruck auch auf Russisch gelernt hatten, ganz stolz auf Russisch : Spassibo fgusna! Silke, die russisch kann, fragte, was dass heißen solle, ich sagte: gute Nacht natürlich! Sie begann schallend zu lachen und klärte uns auf, spassibo fgusna heißt, danke es war lecker!
Da begannen auch wir laut zu lachen und konnten uns nicht mehr einkriegen. Am Abend davor war Carina extra noch einmal aus unserem Zimmer gekommen, um Ludmila eine gute Nacht zu wünschen und sagte „spassibo fgusna“ zu ihr, Ludmila schaute nur verblüfft, sagte : spakolni noche (echtes „gute Nacht“) und ging ins Bett. Im Nachhinein lachten wir immer wieder über dieses Missverständnis.
Die Russland Reise war ein sehr schönes Erlebnis, auch wenn manches fremd und neu für uns war, wie z. B. die Wurst zum Frühstück. Die Menschen dort sind unsere Freunde geworden und werden uns immer in guter Erinnerung bleiben!
Matthias Lhotzky: Ausflug nach Kischi
Am 27.07.2008 fuhren wir mit einem Tragflügelboot von Petrosawodsk aus, über den Onegasee nach Kischi.
Als wir nach etwa einer Stunde die Insel erreichten, wurden wir schon aus der Ferne mit Glockengeläut begrüßt. Über provisorisch zusammengebaute Holzstege gingen wir auf die Insel, wo wir schon von einer Deutsch sprechenden Museumsführerin empfangen wurden. Als erstes viel uns natürlich die Christi- Verklärungskirche ins Auge, sie ist die größte und bedeutendste Holzkirche der Welt und ist mit 22 pyramidenförmig angeordneten Kuppeln geschmückt.
Beim Bau der Kirche wurde nur Holz verwendet kein Nagel aus Metall war nötig. Die Baumeister schlugen in den Wäldern der Nähe das Holz ein, dass sie zum Bau brauchten. Das Dach ist mit Schindeln aus Espenholz gedeckt, die mit der Axt zugeschlagen werden. Leider ist diese Kirche schon seit einigen Jahren nur von außen zu bestaunen, da die Restaurierungsarbeiten immer noch andauern. Wir besichtigten aber die Nachbarkirche, die der heiligen Gottesmutter geweiht ist. Im Inneren dieser Holzkirchen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre die man einfach nicht beschreiben kann. Die wunderbare Ikonostase und die anderen Ikonen versetzen den Kirchenbesucher in eine andere Welt.
Danach ging unser Inselrundgang weiter, wir besichtigten ein typisch karelisches Bauernhaus und konnten die Klänge der alten Kirchenglocken genießen. Ein Glöckner spielte auf ihnen die schönsten Melodien.
Auf der Insel wurde ein Freilichtmuseum errichtet, viele alte Bauernhäuser und einige Kirchen wurden dort hingebracht und versetzen den Besucher in die Welt des "alten Russlands" zurück.
Leider war unser Aufenthalt viel zu kurz um alles aufmerksam besichtigen zu können.
Unsere Rückfahrt war sehr stürmisch, und auch schon wieder ein Abenteuer für sich.
Der Ausflug nach Kischi war eine große Bereicherung der Reise und ist eine bleibende Erinnerung.
Leo Volkmann mit Unterstützung von Moritz Stage:
Wenn man seinen Freunden erzählt, dass man in den Sommerferien nach Russland fahren will, ist die Standartantwort: „Russland? Da ist es doch schrecklich kalt!“
Diese Behauptung entpuppte sich jedoch in unserem Fall als eine falsche Vorstellung dieses Landes. Als ich am Donnerstag aus dem Flugzeug stieg, zog ich als erstes meinen Pullover aus, denn in St. Petersburg schien die Sonne bei 27 Grad. Nach einem hektischen Nachmittag, an dem wir vor allem durch die beeindruckende St. Petersburger U-Bahn irrten erwartete uns eine recht schlaflose Nacht im Zug nach Petrosawodsk. Dort wurden wir um 7 Uhr in der Früh am Hauptbahnhof von einem guten Dutzend Gastgebern aus der jüdischen Gemeinde von Petrosawodsk empfangen, von denen ich einige schon von früheren Besuchen bei uns in Tübingen kannte.
Anschließend chauffierten uns Masha Gontcharuk und Mischa Bravyi in einem 33 jährigen Lada ohne Gurte - etwa zu vergleichen mit einem ostdeutschen Trabbi - zu einer Wohnung. Zu unserem erstaunen durften wir dort für eine Woche ganz allein leben. Wie wir später erfuhren gehörte die Wohnung der Mutter von Dima Tsvibel, die nach Israel ausgewandert war. Lustige Anekdoten in der Wohnung waren beispielsweise ein extrem verstimmtes, halb kaputtes Klavier (was uns jedoch nicht am Spielen hinderte) und eine türkis gestrichene Küche.
Obwohl wir erwartet hatten, selbst kochen zu müssen, stand fast täglich ein Essen zum Aufwärmen auf dem Herd als wir heimkamen. Für diesen Komfort hatten wir uns bei Martha, der Frau von Dima Tsvibel zu bedanken.
Wir genossen die Freiheit, die uns durch die eigene Wohnung gegeben war, auf der anderen Seite war es aber auch ein bisschen schade, das Leben in einer russischen Familie nicht hautnah mitzubekommen.
Während unserer Woche in Russland hatten wir ein umfangreiches Programm, das von Besichtigungen kultureller Sehenswürdigkeiten Kareliens wie etwa der Insel Kischi bis zu einem jüdischen Gottesdienst am Schabbat nichts ausließ. Zuvor hatte ich schon in Denkendorf und in Israel jüdische Gottesdienste erlebt, beispielsweise in einer Containersynagoge in Jerusalem, die mit der Synagoge in Petrosawodsk - einem Keller in einem Hinterhof - vergleichbar war. Im Judentum hat das Beten eine sehr viel größere Rolle hat als bei der christlichen Liturgie. So wurde auch hier auf Deutsch, Russisch und Hebräisch gebetet. Doch viele der russischen Juden sind nicht so streng religiös wie ich es aus Israel gewohnt war. Teilweise wurden zum Beispiel Milch und Fleisch zusammen gegessen.
Ein anderes beeindruckendes Erlebnis war der Ausflug auf die Datsche von Mischa Bravyi. Auf der etwa einstündigen Achterbahnfahrt in seinem Lada auf einer von Schlaglöchern überdeckten Straße kam es uns vor, als ob das Auto jeden Moment auseinander fallen würde, doch er fuhr sehr gut. An einer Wegabzweigung erzählte er davon, dass dort ein Militärstützpunkt wäre und es sein Job sei, dort Panzer zu reparieren. Außerdem ist er russischer Meister im Ringkampf (Sambo) in seiner Altersklasse (60+) – und ein netter, höflicher und bescheidener alter Mann, von dem man solche Dinge gar nicht denken würde.
Die selbst gebaute Datsche bestand aus einem Gemüsegarten, einer Sauna (die wir bei 110 °C kennen lernten) und der Wochenendhütte. Außerdem gab es ein Plumpsklo und an einem Baum im Garten war ein Wasserhahn angebunden. Wie wir erfuhren, ist es in Russland sehr weit verbreitet, auf dem Land ein zweites Zuhause zu haben, auch weil in der Stadt die sozialistischen Wohnungen sehr klein und unkomfortabel sind. Auf dem Land hat man dagegen eine große Freiheit – Bauvorschriften wie wir sie in Deutschland kennen gibt es dort nicht, ein Gesetz besagt dass jeder Russe auf einer der über 80.000 Inseln Kareliens ein Haus bauen und sie dadurch in Besitz nehmen darf, wenn er will. Die gewaltige Fläche des Landes haben wir auf der Fahrt mit dem Zug zu spüren gekriegt. Ein Nachteil ist jedoch die fehlende Infrastruktur in den entlegenen Gebieten.
Vor der Abreise beschlossen Moritz und ich noch, typisch-russische Pelzmützen zu kaufen. Also gingen wir mit Unterstützung von Matthias, der im Gegensatz zu uns etwas Russisch kann, in einen Pelzladen. Als die Verkäuferinnen bemerkten, dass sie es mit westlichen Ausländern zu tun hatten, boten sie uns zunächst ein paar Exemplare an, bei deren Preis uns erst einmal der Atem stockte. (7000 Rubel – umgerechnet etwa 195 €) Es gab alles von Bärenfell über Hunde bis Kaninchen. Mit gebrochenem russisch versuchten wir zu verdeutlichen dass wir gar nicht so viel Geld dabeihatten. Letztendlich entschieden wir uns für zwei wuschelig-weiche erschwingliche Eichhörnchenpelzmützen (990 Rubel).
Insgesamt hatte ich nach der Woche in Russland mehr zu erzählen als meine Freunde, die in mediterranen Tourismus-Regionen gewesen waren. Ich habe mir vorgenommen, eines Tages wieder nach Petrosawodsk zu kommen und unsere wunderbaren Gastgeber erneut zu beehren.
Julia Damson: Öffentliche Verkehrsmittel, die wir in Russland kennen gelernt haben
Öffentliche Verkehrsmittel in Petrosawodsk sind Trolleybus, Marschroutka, Taxi. Alle drei haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten benützt. Trolleybusse sind Omnibusse und haben eine Oberleitung, d.h. sie fahren mit elektrischem Strom auf vorgegebenen Routen. Marschroutkas sind quasi große Sammeltaxis – oft Ford Transit oder ähnliche Busse – die zwar auf einer festen Route fahren, aber für uns Touristen und wohl auch für die Einheimischen ohne verbindlichen Zeitplan. Abgefahren wird, wenn das Marschroutka halbwegs gefüllt ist. Ob ein Marschroutka voll besetzt ist oder nicht, hängt von der Definition von „voll sein“ ab, es ist durchaus vorgekommen, dass sich jemand noch hineingequetscht und die Fahrt halb gekrümmt zwischen den Sitzen absolviert hat.
Alle Fahrten, egal ob im Bus oder im Sammeltaxi, kosten unabhängig von der Länge 12 Rubel (ca. 35 Cent). In den Bussen gibt es Schaffnerinnen, die Fahrscheine verkaufen. Eine Schaffnerin haben wir sehr bewundert; wir haben sie vormittags und nachmittags in dem Bus angetroffen und sie hat allen neu zusteigenden Fahrgästen einen guten Tag gewünscht und mit einem Lächeln den Fahrschein gereicht.
Im Marschroutka reicht man am Ende der Fahrt dem Fahrer die zwölf Rubel – zumeist wortlos - nach vorne, manchmal wirft man das Geld auch auf eine Ablage und nur wenn man Wechselgeld erwartet, bleibt man stehen und der Fahrer nimmt überhaupt Notiz von einem.
Bei einer Taxifahrt ist es durchaus von Vorteil, wenn ein Einheimischer vorher eine feste Summe für die geplante Fahrt vereinbart, sonst kann es leicht zu Phantasiepreisen kommen.
In Sankt Petersburg gibt es noch ein weiteres Verkehrsmittel, das wir intensiv genutzt haben, nämlich die Metro. Es gibt vier große Linien, die einen fast überall hinbringen. Ungeheure Menschenmassen benützen täglich die Metro. Es ist entsprechend eng und die Luft sehr schlecht, zumal man sich tief unter der Erde befindet. Einmal sind wir fast drei Minuten auf einer Rolltreppe nach unten gefahren, das war sehr beeindruckend. Die Türen der Metro halten zwischen Betonpfeilern und schließen und öffnen nach vorheriger Ansage vollautomatisch, so dass man insbesondere wenn man mit Gepäck unterwegs ist, sehr aufmerksam und schnell sein muss. Wenn man einmal durch die Sperre gegangen ist, kann man quasi unbegrenzt hin und herfahren – große Gepäckstücke kosten übrigens extra.
Silke Takacs
Warum die Nacht in Russland lecker ist! Von mutigen Aufbrüchen und herrlichen Sonnenuntergängen

Die Sommerferien hatten gerade erst begonnen. Sechs Schülerinnen und Schüler zwischen 15 und 18 Jahren hielten die Zeugnisse noch druckfrisch in der Hand, und schon trafen wir uns, um eine weite Fahrt anzutreten. Für fast alle war es die erste Reise nach Russland. Die jüdische Gemeinde Petrosavodsk lud uns ein, um vor allem zwischen jüdischen und christlichen Jugendlichen neue Kontakte zu knüpfen.
Im Flugzeug erstellte ich noch schnell eine Wörterliste auf russisch, damit die „Globetrotter“ wenigstens „Guten Tag“ oder „Wie geht's“ sagen konnten. Bis auf Matthias, der ein wenig russisch konnte, hatten niemand eine Ahnung von der Sprache. Sie waren in diesem Land Analphabeten, was mir erst im Flugzeug so richtig bewusst wurde. „Sind die aber mutig!“, schoss es mir durch den Kopf.
Für Zweifel und Bedenken blieb nun keine Zeit mehr. Am Abend knatterte der Nachtzug in Richtung Petrosavodsk und am Morgen erwatete uns am Bahnsteig ein Begrüßungskomitee. Jeder wurde zu seiner Gastfamilie gebracht. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als wir später in den kleinen Räumen der Jüdischen Gemeinde empfangen wurden - alle konnten sich irgendwie auf Englisch oder Deutsch verständigen und wir hatten Valentina, die Übersetzerin immer dabei!
Die Freude über unseren Besuch zeigte sich in der Gastfreundschaft und Herzlichkeit, mit der wir aufgenommen wurden. Sie sorgten so gut für uns, dass Körbe voller Essen wieder zurück gebracht werden mussten. Die Sprachprobleme gerieten dabei völlig in Vergessenheit!
Die Gemeinde hatte ein tolles Programm für uns vorbereitet, welches uns zum Beispiel zu der Insel Kischi oder zum Wasserfall Kivatsch führte. Wir gedachten im Maximilian-Kolb-Museum den minderjährigen Opfern der Nazis, feierten Shabbat mit dem Jugendclub und nahmen am jüdischen Gottesdienst teil.
Die Erlebnisse in den Gastfamilien wurden begeistert ausgetauscht, Beobachtungen angestellt, Verhaltensweisen analysiert und russisch gelernt. Die Mädchen staunten über die „mörderischen“ Absätze der Russinnen, die Jungs versuchten den Kühlschrank, der sich immer wieder füllte, leer zu essen. Gemeinsam genossen wir nachts die herrlichen Sonnenuntergänge am Onegasee und ich gab fleißig Tipps für Redewendungen.
Der Wunsch, die Sprache zu lernen, und das Bedürfnis, sich für die reichhaltige Verpflegung auf russisch herzlich zu bedanken, führte dazu, dass sich manche mit dem schon so eingeprägten Satz: „Danke, es war lecker“ statt eines Gute-Nacht Grußes verabschiedeten. So wurden die karelischen Nächte eben lecker!
Alles wurde immer bekannter und vertrauter, doch dann hieß es schon wieder Abschied nehmen. Neben all den Sehenswürdigkeiten war es der enge Kontakt mit den Menschen dort, der uns Russland näher brachte. Es entstand eine Freundschaft, die hoffentlich lange trägt und in der wir uns immer besser kennen und schätzen lernen.