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    Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk
Zu Besuch bei Freunden in Petrosawodsk/Russland

Eine Reise mit Jugendlichen vom 24. Juli bis 1. August 2008
Bericht: M. Volkmann
Fotos: M.Volkmann und D. Tsvibel

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Seit 19 Jahren sind Tübingen und Petrosawodsk Partnerstädte, seit 12 Jahren sind die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde und die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk Partnergemeinden mit jährlichen Begegnungen. In diesem Sommer (24. Juli bis 1. August 2008) fuhr zum ersten Mal eine Gruppe Jugendlicher in die karelische Hauptstadt.

002 Der Empfang war sehr herzlich, als wir nach einer 25-stündigen Auto-, Flug- und Bahn-Reise am 25. Juli morgens um 7 Uhr in Petrosawodsk ankamen. Unsere Gastgeber warteten bereits am Bahnhof, und wenig später fuhren oder gingen wir allein oder zu zweit mit in die russischen Familien, deren Gäste wir für die nächsten Tage sein sollten. Drei Stunden später trafen wir uns zum ersten von vielen begeisternden Programmpunkten.

Nur zwei von uns waren zuvor in Petrosawodsk gewesen: SilkeTakacs (20) hatte mit 17 ein Vierteljahr in Petrosawodsk gelebt, sie kennt die Stadt sehr gut und spricht fließend Russisch; und ich habe seit Beginn unserer deutsch-russischen und christlich-jüdischen Freundschaft 1996 die karelische Partnerstadt fünf Mal mit Gruppen Erwachsener aus der Bonhoeffer-Gemeinde besucht. Mit von der Partie waren dieses Mal Carina Kammler (15), Moritz Stage (15), Leo Volkmann (17), Marie Volkmann (15) sowie Julia Damson (16) aus der Südstadt und Matthias Lhotzky (18) aus der Pfalz, der durch Vermittlung seiner Tübinger Patentante an der Reise teilnahm.

„Carina und ich sind in Russland, über 2000 km weg von Zuhause, in einer fremden Stadt, in der wir uns keinen Fatz auskennen, alleine in einer Gastfamilie, wir können kein Wort Russisch, was unsere Familie aber nicht zu wissen scheint und sind ziemlich müde, hungrig und vollkommen auf diese Menschen angewiesen... In dieser einen Woche, die wir mit den Menschen verbracht und zusammen gelebt haben, sind sie mir richtig ans Herz gewachsen. Die Freundlichkeit und Offenheit mit der wir überall empfangen wurden, verwunderte mich, das ist nicht selbstverständlich, vor allem nicht zwischen Christen und Juden.“
Marie (15)


Petrosawodsk liegt weiter im Norden als Anchorage in Alaska oder die Südspitze von Grönland. Darum erlebten wir auch noch Ende Juli „weiße Nächte“.

Die Deutschprofessorin Valentina Dwinskaja, meine Gastgeberin, begleitete uns fast die ganze Zeit und sorgte für eine ausgesprochen freundliche Atmosphäre, gute Organisation und hervorragende deutsch-russische Verständigung. Sie zeigte uns bei strahlendem Sommerwetter einige bedeutende Sehenswürdigkeiten der Stadt: den Leninplatz, die Karl-Marx-Allee, die Traktorenwerke, Regierungsgebäude, Theater, Parks, Kaufhäuser und den „Baum der Städtepartnerschaften“ am Kirowplatz.

Am Freitagabend trafen wir alte und junge Freunde in der Räumen des Vereins „Schalom“, feierten den Sabbatbeginn, tauschten Grüße und Geschenke aus und lernten einander kennen. Dies war zugleich die intensivste Jugendbegegnung unserer Reise. Am Samstagmorgen kamen wir erneut in der Synagoge zusammen.

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„Wir feierten mit der jüdischen Gemeinde Schabbat, erlebten den Synagogengottesdienst und den Kiddusch mit. In dem Gottesdienst wirkten wir sogar mit, jeder von uns las reihum einen Psalm auf Deutsch vor. Das war auch eine schöne Geste, denn ich denke, die meisten der russischen Juden konnten kein Deutsch, sie hörten aber trotzdem zu, als wir die Psalmen vorlasen, genauso wie wir ihnen zuhörten, wenn sie lasen, aber ebenfalls nichts verstanden. Man kann auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen miteinander Gottesdienst feiern!“
Marie (15)
„Zuvor hatte ich schon in Denkendorf und in Israel jüdische Gottesdienste erlebt, beispielsweise in einer Containersynagoge in Jerusalem, die mit der Synagoge in Petrosawodsk - einem Keller in einem Hinterhof - vergleichbar war. Im Judentum hat das Beten eine sehr viel größere Rolle hat als bei der christlichen Liturgie. So wurde auch hier auf Deutsch, Russisch und Hebräisch gebetet. Doch viele der russischen Juden sind nicht so streng religiös wie ich es aus Israel gewohnt war. Teilweise wurden zum Beispiel Milch und Fleisch zusammen gegessen.“
Leo (17)


Mit Bedauern erfuhren wir, dass die Gemeinde auch aus ihrem dritten Quartier ausziehen musste, weil ein neues Gesetz die städtische Mietvergünstigung abschaffte und die Miete schlagartig verzehnfacht wurde. Sie ist jetzt in den sehr beengten Räumen eines Kellergeschosses untergebracht. Eigene und somit unkündbare Räumlichkeiten im notwendigen Umfang von rund 200 qm würden etwa eine Viertelmillion Dollar (rund 170.000 €) kosten und sind für die Gemeinde ohne fremde Hilfe nicht erschwinglich.

005 Zu unserem Programm gehörten auch eine Reihe von Museumsbesuchen. Im karelischen Landeskunde-Museum zeigt man uns den prächtigen Festsaal, führte uns traditionelle Musikinstrumente wie die Kantele vor und erläuterte uns die im Land verbreiteten frühgeschichtlichen Felszeichnungen. Auf der Insel Kischi, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gezählt wird, führte uns die Deutschlehrerin Swetlana Aninkina mit großer Kompetenz. Wir staunten über die einzigartigen Holzkirchen und die beeindruckenden Bauernhäuser.

„Auf der Insel wurde ein Freilichtmuseum errichtet, viele alte Bauernhäuser und einige Kirchen wurden dort hingebracht und versetzen den Besucher in die Welt des "alten Russlands' zurück. Im Inneren dieser Holzkirchen herrscht eine ganz besondere Atmosphäre die man einfach nicht beschreiben kann. Die wunderbare Ikonostase und die anderen Ikonen versetzen den Kirchenbesucher in eine andere Welt. Der Ausflug nach Kishi war eine große Bereicherung der Reise und ist eine bleibende Erinnerung.“
Matthias (18)


013 Wieder in der Stadt, sahen wir im „Museum Kischi“ die traditionelle karelische Stickkunst, eine Ausstellung über die erste karelische Hauptstadt Olonez und über das alltägliche Leben der Bevölkerung in der Zarenzeit sowie eine temporäre Ausstellung seltener Kopfbedeckungen. Diese beeindruckte Leo und Moritz offenbar so sehr, dass sie sich selbst russische Pelzmützen kauften. Schließlich besuchten wir die Gedenkstätte in Pieski und das Maximilian-Kolbe-Museum und erinnerten an den unvergessenen Vadim Misko. Er hatte sich als überlebender minderjähriger KZ-Häftling für das Gedenken an alle Opfer der Gewalt eingesetzt und sowohl für die würdige Anlage des deutschen Kriegsgefangenenfriedhofs in Pieski als auch für die Einrichtung des ersten russischen Holocaust-Museums gekämpft.


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Außer dem Ausflug mit dem Tragflügelboot auf die Insel Kischi hatten unsere Freunde zwei weitere Ausflüge für uns vorbereitet. Der eine ging zunächst nach Kondopoga, wo direkt am Onegasee die 250 Jahre alte Holzkirche „Mariä Grablegung“ steht, die einzige, deren bemalte Decke noch existiert. Dieser Ort bezaubert durch seine Ruhe, doch nur noch nach einer Seite geht der Blick über den See und die Wälder in ihrem ursprünglichen Zustand. Auf der anderen Seite ist das riesige Papierkombinat zu sehen, das der Stadt Wohlstand und Umweltprobleme zugleich beschert. Das andere Ziel des Tagesausflugs war der zweitgrößte Talwasserfall Europas, der Kiwatsch. Dort sahen wir auch einige der selten gewordenen karelischen Birken mit ihren von Schnitzern geschätzten Verwachsungen.

Lange standen wir vor dem Naturschauspiel der tosend herabstürzenden Wassermassen. Ein weiterer Ausflug führte uns in den ältesten russischen Kurort, das von Zar Peter dem Großen begründete Marzyalnie Wodi mit seinem eisenhaltigen Wasser. Hier fanden wir nur mehr vergangene Pracht, besonders die Kirche mit der Loge des Zaren. Aber ein großer Rohbau scheint dem Ort eine neue Zukunft zu verheißen.


Auf der Rückfahrt vom Kurort machten wir in der Datscha von Maria Gontcharuks Familie Station. Maria ist Jugendleiterin, sie war im vergangenen Jahr in Tübingen mit dabei. Es gab ein Picknick, für das wir uns mit einigen deutschen Volksliedern bedankten. Die männlichen Reiseteilnehmer wurden noch auf eine andere Datscha eingeladen. Mischa Brawyi, bereits zwei Mal zu Gast in der Tübinger Bonhoeffer-Gemeinde, beeindruckte die Jugendlichen damit, dass er in diesem Jahr nationaler Meister seiner Altersgruppe (60+) in der in Russland beliebten Ringkampfart Sambo geworden war (auch Wladimir Putin ist aktiver Sambo-Ringer). Er heizte seine Sauna auf über 100° auf, und so erlebten wir einen entspannten Datscha-Sauna-Männer-Abend.

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Dima Tsivbel, der Leiter der jüdischen Gemeinde, hatte für uns zwei offizielle Veranstaltungen organisiert. Im Gebäude des Museums Kischi am Kirowplatz trafen wir Frau Alexandra Jerschowa vom karelischen Ministerium für Familie, Jugend und Angelegen-heiten der Religionen. Das Ministerium übernahm die Schirmherrschaft für den vor zwei Jahren von unseren jüdischen Freunden nach dem Vorbild des von Prof. Hans Küng angestoßenen Projekts Weltethos initiierten Interreligiösen Runden Tisch. Unsere Jugendlichen stellten kritische Fragen nach dem Umgang mit Homosexualität und Aids. Frau Jerschowa erklärte jedoch, beide Themen fielen in die Zuständigkeit des Ministeriums für Gesundheit und nicht in ihre.

An einem Abend fuhren wir mit der „Marschrutka“, einem Kleinbus, an den Stadtrand. Dort besuchten wir einen Reiterhof, der mit dem von Valentina Dwinskaja mitbetreuten Behindertenprojekt zusammenarbeitet.

„Öffentliche Verkehrsmittel in Petrosawodsk sind Trolleybus, Marschroutka, Taxi. Alle drei haben wir bei verschiedenen Gelegenheiten benützt. In den Bussen gibt es Schaffnerinnen, die Fahrscheine verkaufen. Eine Schaffnerin haben wir sehr bewundert; wir haben sie vormittags und nachmittags in dem Bus angetroffen und sie hat allen neu zusteigenden Fahrgästen einen guten Tag gewünscht und mit einem Lächeln den Fahrschein gereicht.“
Julia (16)


006 Sehr gelungen war die öffentliche Präsentation des von mir herausgegebenen Buches „Juden in Petrosa-wodsk – Christen in Tübingen – eine erstaunliche Liebesgeschichte“ in einem Saal der karelischen Nationalbibliothek. Ein Fernsehteam war da, weitere Journalisten und auch ein Vertreter des Kultusminis-teriums, Herr Zwertgoff.

Dima Tsvibel schrieb mir nach der Reise: „Es ist wundervoll, dass wir eine Buchpräsentation hingekriegt haben – sie hat einen großen Eindruck auf die Öffentlichkeit gemacht.“

008 Unser Abschiedsabend wurde von den Tänzerinnen und Tänzern des Tanzensembles „Aviv“ gestaltet, die uns in ihre mitreißenden Tänze mit hineinzogen.

007 Aus Petrosawodsk reist man abends ab – mit dem Nachtzug nach St. Petersburg. So nimmt man die Freude über das Erlebte und die Melancholie über den Abschied von den neu gewonnenen Freunden mit in den Schlaf und in die Träume.

003 Ich habe mich sehr gefreut, dem 92-jährigen Efim Levin zu begegnen, dem unser Buch gewidmet ist.

Auch Prof. Juri Rybak, der vor acht Jahren nach Kanada auswanderte und zu Besuch da war, ist ein guter Freund, ebenso Mischa Brawyi und viele andere, unter ihnen etliche, die bereits einmal in Tübingen waren.

Grandios war St. Petersburg, wo wir unseren letzten Reisetag verbrachten: die Isaaks-Kathedrale, die Kasans-Kathedrale, die Blutkirche, die Eremitage mit dem Schlossplatz, die Admiralität, der Newski-Prospekt, die Metro, die Schiffsrundfahrt auf den Kanälen und der Newa bis hinüber zur Peter- und Pauls-Festung, das Alexander-Newski-Kloster, wo wir einen Teil eines orthodoxen Gottesdienstes miterlebten – Russland zeigte sich uns von seiner besten Seite.

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Zusammen mit den Jugendlichen erarbeite ich einen noch ausführlicheren Reisebericht.

Am Mittwoch, 24.09., 20 Uhr berichten wir im Arbeitskreis Petrosawodsk von der Reise, Interessierte sind willkommen. Unser herzlicher Dank gilt dem Kulturamt der Universitätsstadt Tübingen und der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde für ihre Unterstützung der Reise.

Das Buch „Juden in Petrosawodsk – Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ ist im Pfarramt noch in einigen Exemplaren vorrätig und kann dort zum Preis von 10 € erworben werden.

Dieser Bericht erschien als Beilage zu „Fliegende Blätter“ Nr. 1047