evangelische Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde
Tübingen-Waldhäuser Ost

Bericht vom Besuch aus Petrosawodsk 11.-18. Juli 2007

Dr. Michael Volkmann
Den folgenden Bericht finden Sie auch hier als PDF zum Herunterladen.

1. Einleitung
2. Die Gäste aus Petrosawodsk und die Gastgeber
3. Besuchs-Programm
4. Offizielle städtepartnerschaftliche Kontakte
5. Buchvorstellung mit Lesung
6. Jüdisch-jüdische Begegnungen
7. Christlich-jüdischer Studiennachmittag „Die noachidischen Gebote: Tora für die Völker“
8. Weitere christlich-jüdische Begegnungen
9. Das touristische Besuchsprogramm
10. Menschliche Begegnungen und Geselligkeit
11. Persönliche Bilanz des Besuches

1. Einleitung

Zum fünften Mal seit 1997 besuchten Vertreter der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk Tübingen und die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde. In der Regel kommen der Leiter der Religionsgemeinde und weitere leitende Personen wie der Leiter der Wohlfahrtsabteilung „Chesed Agamim“ und die Leiterin der Jugendarbeit. Während der Leiter der religiösen Gemeinde seit ihrer Gründung 1996, Dimitri Tsvibel, bisher jede Delegation anführte, kamen die beiden anderen, Dimitri Gendelev und Maria Gontcharuk, zum ersten Mal nach Tübingen. Für Dimitri Gendelev war dies die erste Reise ins Ausland überhaupt. Prof. Dr. Valentina Dwinskaja ist mit Tübingen seit den Anfängen der Städtepartnerschaft verbunden. Sie begleitete das Programm als hervorragende Übersetzerin.

Seit 1997 besteht der Arbeitskreis „Begegnung mit der jüdischen Gemeinde Petrosawodsk“. Nach zehn Jahren erschien nun ein Buch, herausgegeben von Michael Volkmann, mit einer Darstellung dieser einzigartigen Partnerschaft zwischen einer evangelischen und einer jüdischen Gemeinde und mit wichtigen Texten aus den vergangenen zehn Jahren (s. u. 5). Dieses Buch mit dem Titel „Juden in Petrosawodsk – Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ ist die grundlegende Informationsquelle für die Beziehungen, die in den vergangenen elf Jahren entstanden sind (tvt-Medienverlag Tübingen 2007, ISBN 978-3-929128-44-6).

2. Die Gäste aus Petrosawodsk und die Gastgeber

Die Gäste: Die Gastgeber:
Dimitri Tsvibel, Leiter der jüdischen Religionsgemeinde Fam. Volkmann
Dimitri Gendelev, Leiter der Wohlfahrtsabteilung Chesed Agammim Fam. Haase
Maria Gontcharuk, Leiterin des Jugendclubs der jüdischen Gemeinde Pfarrerin Heidi Abe
Prof. Dr. Valentina Dwinskaja, Übersetzerin Frau Nora Bierich

3. Besuchs-Programm

Mittwoch, 11.07.2007 - Anreisetag
Abholung in München-Flughafen, 14.30 Uhr Besuch der Synagoge am Jakobsplatz, München
19 Uhr Ankunft in Tübingen Waldhäuser Ost. Bezug der Quartiere. 20 Uhr Abendessen im Gemeindezentrum

Donnerstag, 12.07.2007 – Ein Tag in Tübingen
9 Uhr Frühstück in der Bonhoefferkirche. Vorstellung des Programms,
anschließend Stadtrundgang mit Besichtigung des Denkmals am Synagogenplatz
18 Uhr Dietrich-Bonhoeffer-Haus Berliner Ring 8/2: Buchvorstellung mit Lesung
20 Uhr St. Michaels-Kirche Hechinger Str.: Treffen mit Vertretern katholischer Gemeinden

Freitag, 13.07.2007 – „Offizielle“ Veranstaltungen in Tübingen
Gang durch die mittelalterliche Tübinger Judengasse
11 Uhr Rathaus-Empfang zusammen mit der offiziellen Besuchsdelegation aus Petrosawodsk
14ct - 16.30 Uhr D.-Bonhoeffer-Haus: Studiennachmittag „Die Noachidischen Gebote: Tora für die Völker“
18.30 Sabbatfeier zusammen mit „Bustan Shalom e. V.“ und dem Kirchengemeinderat der DBK

Samstag, 14.07.2007 – Sabbat
9.30 Uhr Synagogengottesdienst in Stuttgart; Mattot-Masse Num 30,2-36,13 Jer 2,4-28+3,4,
12.45-14.15 Uhr Kiddusch im Gemeindesaal der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs
16-19 Uhr Treffen mit Karl-Hermann Blickle in Tübingen, Dietrich-Bonhoeffer-Kirche
19.00 Uhr Einladung ins Haus Dr. Lorenz, Erlenweg 40

Sonntag, 15.07.2007 – Begegnungen in Tübingen und Denkendorf
11.00 Gottesdienst Bonhoefferkirche mit Dietrich-Bonhoeffer-Chor; anschließend Berichte beim Kirchkaffee
14.30 Jahrestreffen des „Denkendorfer Kreises für christlich-jüdische Begegnung e. V.“ im Kloster Denkendorf
19.00 Uhr Einladung ins Haus Maier, Landhausstr. 3

Montag, 16.07.2007 – Ein Tag in Straßburg
Ausflug nach Straßburg (Schwarzwaldfahrt, Straßburger Münster, Führung jüdische Geschichte, Altstadt)
20 Uhr Einladung ins Haus Zeller, Mörikestr. 5

Dienstag, 17.07.2007 – Ein Tag mit den Freunden aus Eningen u. A.
10.30 Uhr Besichtigung von Schloss Lichtenstein
12 Uhr Forellen-Essen in Honau
14.30 Uhr Besuch in der evangelisches Kirchengemeinde Eningen u. A.
17 Uhr Ausklang im Pfarrgarten

Mittwoch, 18.07.2007 – Abreisetag
Fahrt nach München-Flughafen, Rückflug

4. Offizielle städtepartnerschaftliche Kontakte

Wichtig und hilfreich ist die Einbettung unserer Beziehungen in die Strukturen der Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Petrosawodsk. Nach Möglichkeit enthalten unsere Besuchsprogramme einen Empfang im Rathaus. Die Tübinger Oberbürgermeister Dr. Eugen Schmid und Brigitte Russ-Scherer statteten der Synagoge in Petrosawodsk einen Besuch ab. In der Bürgersprechstunde am 30. Juni stellten sich Dankwart-Paul Zeller und Michael Volkmann dem neuen Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer vor und informierten vorab über die interreligiösen Beziehungen im Rahmen der Städtepartnerschaft. OB Palmer lud zum Empfang am 13.07. von 11 bis 12.30 Uhr. Unsere Delegation aus der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk und dem Tübinger Arbeitskreis wurde zusammen mit der offiziellen städtischen Delegation aus Petrosawodsk empfangen. OB Palmer würdigte die in bürgerschaftlichem Engagement gewachsenen Beziehungen und kündigte seinen Besuch in Karelien für Juni 2008 an. Wir überreichten ihm Geschenke aus Karelien und das neu erschienene Buch.

Am 16.07. kam es bei einer Einladung im Haus Zeller zur Begegnung des Arbeitskreises und seiner jüdischen Gäste mit Dr. Jörg Bohse von der West-Ost-Gesellschaft in Baden-Württemberg und Mark Kirsanow von der Karelischen West-Ost-Gesellschaft. Das Verhältnis zu beiden ist sehr herzlich. Beide waren bei der Organisation unserer Begegnungen sehr hilfreich und sagten dies auch für künftige Vorhaben zu.

5. Buchvorstellung mit Lesung

Am zweiten Besuchstag, 12.07., 18 Uhr fand die öffentliche Vorstellung des Buches „Juden in Petrosawodsk – Christen in Tübingen: eine erstaunliche Liebesgeschichte“ statt. Oberbürgermeister i. R. Dr. Eugen Schmid las eine Passage aus seinem Geleitwort über die Entstehung der Städtepartnerschaft. Dankwart-Paul Zeller steuerte seine Version „Wie alles begann“ bei. Dimitri Gendelev las einen Abschnitt aus der Geschichte der Juden von Petrosawodsk, die sein Vater verfasst hatte, und Dimitri Tsvibel las aus seinem autobiografischen Essay „Meine jüdische Frage“. Die deutschen Abschnitte aus beiden Texten in der Übersetzung von Julita Huf wurden von Barbara Migge vorgetragen. Schließlich fasste Michael Volkmann die Wirkung und die Bedeutung dieser besonderen christlich-jüdischen Beziehungen mit einer Lesung aus seiner Einleitung zum Buch zusammen. Rund fünfundvierzig Menschen erlebten diesen Leseabend, der mit einem anschließenden festlichen Sektempfang abgerundet wurde.

6. Jüdisch-jüdische Begegnungen

Unsere Beziehungen begannen mit dem Geschenk einer Torarolle für die Juden Kareliens. Damals, 1996, war uns klar, dass der Partner der karelischen Juden im Rahmen der Städtepartnerschaft eine Tübinger jüdische Gemeinde sein müsste. Doch da seit deren Zerstörung im Novemberpogrom 1938 in Tübingen verfasstes jüdisches Leben nicht wieder entstanden war, hielten es einige Christen sozusagen als Platzhalter für wichtig, Juden in den deutsch-russischen Austausch mit einzubeziehen. Daher legten wir immer wert darauf, unsere Gäste bei ihren Besuch in Tübingen mit Juden in Kontakt zu bringen.

Ein erster Höhepunkt war die Besichtigung der neuen Münchener Synagoge am Jakobsplatz gleich am Anreisetag. Rabbiner Drey führte uns durch den Gang des Gedenkens in die große und in die kleine Synagoge und beantwortete unsere Fragen. Das Gebäude erinnert an seiner Basis an die massiven Tempelmauern, im oberen zeltartigen Teil an die Stiftshütte. Die große Synagoge ist mit biblischen Versen ausgeschmückt, die im hebräischen Gesang „Ma tovu“ (Komponist: Meir Finkelstein) des Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Chors im Sonntagsgottesdienst wiederkehrten. In München leben heute wieder fünftausend Juden, es gibt drei Synagogen. Die Synagoge am Jakobsplatz folgt der Mitte des 19. Jahrhunderts durch Rabbiner Samson Rafael Hirsch in Deutschland begründeten Tradition der modernen Orthodoxie.

Ein zweiter Höhepunkt war die gemeinsame Kabbalat-Schabbat-Feier mit dem neu gegründeten Tübinger jüdischen Verein „Bustan Shalom“ am Freitag, 13.07., ab 18.30 Uhr. Da auch zahlreiche christliche Freunde – der Arbeitskreis und der Kirchengemeinderat der Bonhoefferkirche, Gäste aus der katholischen St. Michaels-Gemeinde – mit eingeladen waren, umfasste der Kreis der Feiernden rund siebzig Personen. Johannes Guanin leitete die Freitag-Abend-Liturgie. Dimitri Tsvibel sprach im Namen der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk, Pfarrerin Angelika Volkmann im Namen der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche ein Grußwort. Nach dem festlichen Essen sangen wir gemeinsam den Tischsegen (Birkat Hamason), dann folgten Sabbatlieder und andere hebräische Gesänge.

Ein dritter Höhepunkt war der Gottesdienst am Schabbat „Mass’ei / Mattot“ in der Stuttgarter Synagoge, wo uns Landesrabbiner Netanel Wurmser und Vorstandsmitglied Arno Fern freundlich willkommen hießen. Im Gottesdienst fand eine Bar Mitzwa statt, außerdem wurden die Gebete für Rosch Chodesch (Neumond) angefügt. So dauerte der Gottesdienst mit der Lesung zweier Tora-Abschnitte und einer Predigt des Rabbiners rund drei Stunden. Nach dem Gottesdienst wurden wir eingeladen, zum Kiddusch (Segen über Wein und Brot) zu bleiben, der mit einem festlichen Mittagessen im großen Saal des Gemeindezentrums verbunden war. Veranstaltet wurde dieser besondere Kiddusch von der Gemeinde zusammen mit der Familie des Bar Mitzwa. Dimitri Tsvibel wurde um ein Grußwort gebeten. Die Gäste genossen das Fest sehr. In Petrosawodsk hat es bislang noch nie eine Bar Mitzwa gegeben.

Schließlich kam es noch zu einer Begegnung mit Mitgliedern der Außenstelle Reutlingen der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs im Evangelischen Gemeindehaus in Eningen u. A. am 17.07. Die Gemeinde in Reutlingen wird geleitet von Frau Salzmann. Da die Reutlinger Gemeinde fast nur aus Einwanderern besteht, war die direkte Kommunikation für unsere Gäste noch leichter als für uns.

Alle diese jüdisch-jüdischen Kontakte waren auch für uns Christen von großer Bedeutung. Denn wir wurden an diesen Begegnungen beteiligt und bekamen Einblicke in immer noch sehr selten anzutreffendes, aber doch bereits vielfältiges jüdisches Leben in unserer Region.

7. Christlich-jüdischer Studiennachmittag „Die noachidischen Gebote: Tora für die Völker“

Am 13.07. fand der christlich-jüdische Studiennachmittag, bereits eine feste Einrichtung bei unseren Begegnungen, statt. Er wurde wieder von der Stiftung Weltethos unterstützt und hatte in diesem Jahr die noachidischen Gebote zum Thema. Zu Beginn führte Dimitri Tsvibel eine beeindruckende Power-Point-Präsentation der Jüdischen Gemeinde und des im vergangenen Jahr neu begründeten interreligiösen Runden Tisches in Petrosawodsk vor. Mit der Initiierung des Runden Tisches hatten unsere jüdischen Freunde, angeregt durch Tübinger Impulse, den Gedanken des Weltethos aufgenommen und unter den karelischen Religionsgemeinschaften bekannt gemacht. Das erste Treffen fand anlässlich unseres Besuches zum zehnjährigen Bestehen der Jüdischen Gemeinde im Juli 2006 im Rathaus von Petrosawodsk statt. Kurz vor ihrer Abreise nach Tübingen hatte das zweite Treffen stattgefunden, das unter der Schirmherrschaft des karelischen Ministers für religiöse Angelegenheiten stand und bei dem vereinbart wurde, künftig mindestens vierteljährlich zusammen zu kommen.

Danach führte Michael Volkmann auf der Grundlage einer wissenschaftlichen Untersuchung von Klaus Müller, Heidelberg, durch die einzelnen Abschnitte des Themas „Die noachidischen Gebote“. Im ersten Abschnitt wurden die rabbinischen Quellen dieses Konzepts einer auf sieben wesentliche Gebote reduzierten Tora für die Völker vorgestellt. In einem zweiten Schritt folgte die mittelalterliche Auslegung der einzelnen Gebote durch Maimonides. Aufgrund des angeregten Gespräches wurden die Materialien für den dritten Teil, der das Erscheinen einer Vorform der noachidischen Gebote im Neuen Testament behandelte, nur kurz besprochen. Die Rabbinen, vor allem die Schüler Rabbi Akibas im 2. Jahrhundert, entwickelten die theologische Ansicht, dass es nicht nur Gerechte in Israel gebe – nämlich diejenigen, die die Israel in der Tora gegebenen Gebote erfüllen –, sondern auch Gerechte unter den Völkern – nämlich diejenigen, welche die sieben Gebote erfüllen, die den Nachkommen Noahs auferlegt sind. Somit sind die noachidischen Gebote sozusagen ein antikes Konzept eines Weltethos. Dr. Gebhardt von der Stiftung Weltethos stellte allen zwanzig Teilnehmern des Studiennachmittags das Heft „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ zur Verfügung. Der Stiftung wurde für ihre Unterstützung symbolisch mit dem Geschenk des neu erschienen Buches gedankt, das auch ein Grußwort von Prof. Dr. Hans Küng an die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk im Faksimile wiedergibt.

8. Weitere christlich-jüdische Begegnungen

Die zentrale öffentliche Veranstaltung des Besuchsprogramms war der Gottesdienst in der Dietrich-Bonhoeffer-Kirche am 15.07. Michael Volkmann bereitete ihn vor und hielt ihn unter Mitwirkung der Gäste aus Petrosawodsk, des Kirchengemeinderats Dr. Kurt Sütterlin und des Tübinger Dietrich-Bonhoeffer-Chors unter der Leitung von Kantorin Elisabeth Fröschle. Der für den 6. Sonntag nach Trinitatis vorgesehene Predigttext stand in Jesaja 40,1-7. In der christlichen Tradition wird er auf die Taufe bezogen. Im Gottesdienst kam zusätzlich jüdisches Textverständnis zur Sprache, sowohl traditionelles als auch aktuelles. Zu den drei Hauptthemen des Textes – jüdische Identität, Diaspora und Land Israel, Gottes Liebe zu Israel – wurden Fragen an Dimitri Tsvibel formuliert, die dieser in der Predigt in sehr persönlicher Weise beantwortete. So hörte die Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde erstmals eine christlich-jüdische Dialogpredigt. Dimitri Gendelev las Psalm 136 auf Hebräisch, Maria Gontcharuk las 5. Mose 7,7-11 auf Russisch, Dimitri Tsvibel sprach den aronitischen Segen auf Hebräisch. Der Chor sang „Ma tovu“, das Sanctus aus einem Requiem von Johann Adolf Hasse und „Amen“. Die Gemeinde sang als Friedensbitte „Ose Schalom Bimromaw“. Nach dem Gottesdienst stellten die Gäste beim Kirchkaffee ihre Verantwortungsbereiche im Gemeindeleben vor. Von einer Kirchengemeinderätin der Bonhoeffergemeinde wurde die Idee eines Jugendaustausches mit Petrosawodsk angesprochen. Die Kollekte des Gottesdienstes in Höhe von über 400 € ist für die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk bestimmt.

Am Nachmittag des 15.07. waren wir zu Gast beim Jahrestreffen des „Denkendorfer Kreises für christlich-jüdische Begegnung e. V.“ im Kloster Denkendorf. Nach einer Begrüßung durch den Vereinsvorsitzenden Dr. Hartmut Metzger erzählte zunächst Dankwart-Paul Zeller von den Anfängen unserer Partnerschaft. Im Hauptteil des Nachmittags stellten die drei Mitglieder der Jüdischen Gemeinde Petrosawodsk ihre Arbeit vor. Den Schluss machte Michael Volkmann; er berichtete von den Projekten, die aus unserer Freundschaft in beiden Städten entstanden sind, und von der exemplarischen Bedeutung dieser Partnerschaft. Nach einer Kaffeepause mit viel Zeit zum persönlichen Gespräch führte Dimitri Tsvibel ein weiteres Mal seine Power-Point-Präsentation vor. Der „Denkendorfer Kreis“ übergab eine namhafte Spende für die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk.

Vom Besuch in der Evangelischen Kirchengemeinde Eningen u. A. war bereits die Rede. Neben Gästen aus der jüdischen Gemeinde Reutlingen waren Eninger Gemeindeglieder mit beteiligt. Die Pfarrer Stephan Glaser, Mitglied unseres Arbeitskreises und 2006 mit uns zu Besuch in Petrosawodsk, und Günter Kempka, langjähriges Mitglied der württembergischen landeskirchlichen Arbeitsgruppe „Wege zum Verständnis des Judentums“, hatten den Besuchs- und Ausflugstag organisiert. Wieder hatten unsere Gäste Gelegenheit, ihre Gemeinde und deren Entwicklung in den vergangenen elf Jahren darzustellen. Auch aus Eningen war bereits finanzielle Unterstützung für unsere Partnerschaft gekommen.

Eine besondere christlich-jüdische Begegnung war das dreistündige Gespräch mit dem Balinger Unternehmer Karl-Hermann Blickle, dem diesjährigen Träger der Otto-Hirsch-Medaille. Karl-Hermann Blickle hat neben seiner unternehmerischen Tätigkeit zwei Interessenschwerpunkte: die christlich-jüdischen Beziehungen und das Gebiet der Wirtschaftsethik. Er erläuterte unseren Gästen seine diesbezüglichen Überzeugungen und sein tätiges Engagement, u. a. im Verein Alte Synagoge Hechingen. Er erklärte sich bereit, die Jüdische Gemeinde Petrosawodsk finanziell zu unterstützen und äußerte Interesse an einem Besuch in Karelien.

Erstmals kam es bei einer unserer Begegnungen auch zu einem Besuch in einer katholischen Gemeinde. Am 12.07. waren wir eingeladen in den Ökumenischen Arbeitskreis für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung in der St. Michael-Gemeinde in der Tübinger Südstadt, der von Frau Menz koordiniert wird. Dr. Andrej Krekshin, katholischer Beauftragter für christlich-jüdische Beziehungen und Mitglied unseres Arbeitskreises, führte in die Geschichte des katholisch-jüdischen Dialogs ein. Anschließend kam es zum angeregten Austausch unter den rund fünfunddreißig Anwesenden. Auch der Ökumenische Arbeitskreis ist an einem Jugendaustausch mit Petrosawodsk und an weiteren Begegnungen interessiert.

9. Das touristische Besuchsprogramm

Zwei der Gäste waren zum ersten Mal in Deutschland, einer überhaupt zum ersten Mal auf einer Auslandsreise. Darum enthielt unser Besuchsprogramm auch einige touristische Elemente. Ein „Muss“ ist der Stadtbummel durch Tübingen mit Einkehr in einem schwäbischen Lokal. Wir legten bei unserem Stadtrundgang besonderen Wert auf die Geschichte der Tübinger Juden, sowohl im Mittelalter als auch im 19. und 20. Jahrhundert. Darum besuchten wir die bekannten Stationen dieser Geschichte und bezogen auch Teile der NS-Vergangenheit Tübingens mit ein. Wir hatten auch Gelegenheit, das Goethezimmer im Cotta-Haus zu besichtigen. Besonders beeindruckt waren die Gäste vom Denkmal am Synagogenplatz und von den Stahlquadern aus dem Kubus, die sich in verschiedenen Tübinger Kirchen finden – wie auch in der Synagoge von Petrosawodsk!

Der Besuch der Kirchengemeinde Eningen wurde verbunden mit einer Fahrt auf die Alb und einer Führung durch das Schloss Lichtenstein. Unsere Gäste waren von der hinreißenden Lage des Schlosses fasziniert. Wieder gehörte der Genuss örtlicher Spezialitäten (Honauer Forellen) mit dazu.

Höhepunkt der Ausflüge war die Fahrt über den Schwarzwald nach Straßburg in zwei geräumigen Fahrzeugen (8 und 6 Personen). Trotz der Hitze von 36° C gingen unsere Gäste lieber durch die Gassen der Altstadt als die Zeit im Schatten eines Restaurants zu verbringen. Besonderes Interesse galt dem Münster. Von dort aus machten wir eine professionelle Führung zur jüdischen Geschichte Straßburgs mit. Diese führte uns vom Münster-Südportal mit den Figuren der Ekklesia und der Synagoge zur kürzlich aufgefundenen mittelalterlichen Mikwe, zum ehemaligen Judentor, zum von Kaiser Wilhelm I. überbauten jüdischen Friedhof und zum Ort der 1940 zerstörten großen Straßburger Synagoge, wo auch Deportationsmahnmale stehen.

10. Menschliche Begegnungen und Geselligkeit

Die menschlichen Begegnungen stehen im Zentrum unserer interreligiösen Partnerschaft. Darum besuchen wir uns jährlich abwechselnd hin und her. An diesen Besuchen haben im Lauf der vergangenen zehn Jahre zahlreiche Menschen aus beiden Städten teilgenommen. So erhalten unsere Beziehungen eine immer breitere und tiefere menschliche Basis. Was dies im einzelnen bedeutet, ist an mehreren Beispielen im erwähnten Buch nachzulesen.

Bei keinem früheren Besuch gab es so viele Programmpunkte, die neue zwischenmenschliche Kontakte ermöglichten. Zusätzlich gab es wieder viele Begegnungen am Rande von Veranstaltungen. Und schließlich luden Mitglieder unseres Arbeitskreises wieder die gesamte Gruppe an drei Abenden ein. An den beiden ersten Abenden spürte man das große Gesprächsbedürfnis unter einander. Am dritten Abend wurde auch gemeinsam gesungen. Da die meisten Teilnehmer die vierzig überschritten hatten, machte sich die 23jährige Maria Gontcharuk an einem Abend mit neu gewonnenen jüdischen Freunden aus dem Verein Bustan Shalom auf, die Stadt und das Stadtfest zu erkunden. Begeistert kehrte sie zurück.

11. Persönliche Bilanz des Besuches

Am Ende dieser acht Tage fragten wir uns, ob das Programm nicht wieder viel zu voll gepackt war. In der Rückschau gibt es aber nichts, worauf wir hätten verzichten wollen. Der wichtigste Punkt einer Bilanz wurde unter 10. genannt: viele neue Kontakte und Bekanntschaften wurden geschlossen. Nie zuvor erlebten unsere karelischen Freunde jüdisches Leben in Süddeutschland so intensiv wie in diesem Jahr. Auch die hohe Verbindlichkeit des Interesses von katholischer Seite ist neu. Und bei keinem früheren Besuch war die Wirkung unserer Partnerschaft über Tübingen hinaus so deutlich: Verbindungen wurden geknüpft oder intensiviert nach Stuttgart, nach Eningen u. A., nach Balingen und Hechingen, nach Reutlingen und Denkendorf. Die Unterstützung unseres Besuchsprogramms durch Mitgliedsgemeinden der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) Tübingen war großzügig und sehr hilfreich. Ebenso die Unterstützung durch die Stiftung Weltethos, das Kulturamt der Universitätsstadt Tübingen und etliche Einzelpersonen. Unsere Freunde konnten aus verschiedenen Quellen Spenden für ihre soziale Arbeit und für den geplanten Kauf eigener Synagogenräume mit nach Hause nehmen.

Mit Sorge vernehmen wir Nachrichten über antisemitische Hetze und Übergriffe in Russland. Dennoch bleiben wir unserem Grundkonzept treu, die Präsenz der Jüdischen Gemeinde in Petrosawodsk zu unterstützen, wo sie „der Stadt Bestes sucht“ (nach Jeremia 29,7). Dass dies so ist, wurde uns auf eindrückliche Weise durch die Berichte vom Interreligiösen Runden Tisch Kareliens deutlich. In Petrosawodsk ist eine weltoffene und Christen wohl gesonnene Jüdische Gemeinde entstanden. Die Partnerschaft zwischen unseren Gemeinden stärkt unser Bewusstsein für die Wurzeln des Christentums, für das Woher des Heils und des Segens, die wir empfangen. Sie stärkt unseren Halt in unserer eigenen, dem Volk Israel nicht mehr feindlichen Tradition. Wir möchten auch künftig immer wieder neu Menschen am Reichtum dieser Beziehung teilhaben lassen.

Kommentieren